Friedrich Hölderlin lebte und arbeitete seit Anfang des Jahres 1796 als "Privaterzieher" im Hause des Frankfurter Bankiers Gontard. Er unterrichtete den einzigen Sohn des Hauses, Henry, in fast allen Fächern, mit Ausnahme von Fechten, Tanzen und Französisch. Sein Gehalt war recht ansehnlich, seine Stellung aber die eines Bediensteten im Range des Küchenpersonals ("Domestik"). Die Mutter seines Zöglings, Susette Gontard, war seine Vorgesetzte, ein Jahr älter als er und - ganz im Gegensatz zu ihrem Gatten - an schöner Literatur, an Musik und neuerer Philosophie sehr interessiert.
Im Mai 1796 zog die Familie in ein Landhaus außerhalb der Stadt, der Hausherr ging in Frankfurt tagsüber weiter seinen Geschäften nach.
"... den ganzen morgen ist F[rau] G[ontard] mit Höl: oben in der Laube u im Kabinett", vertraut Marie Rätzer, die Erzieherin der Gontard-Töchter, brieflich einer Freundin in. Erst Ende September kehren Erzieher und Zöglinge in die Stadt zurück. Dort musste sich Hölderlin wieder in den großbürgerlichen Lebensstil schicken, aber das fiel ihm schwer und in Briefen an die Angehörigen zuhause klagt er immer häufiger über seine geringe gesellschaftliche Stellung im Hauswesen des Banquiers:
"..dieses ganze Jahr haben wir fast beständig Besuche, Feste und Gott weiß! was alles gehabt, wo dann freilich meine Wenigkeit immer am schlimmsten wegkommt, weil der Hofmeister besonders in Frankfurt überall das fünfte Rad am Wagen ist, und doch der Schicklichkeit wegen muß dabei seyn." (An die Mutter Anfang 1798, StA 6,1 S.259)
Die eitle Umtriebigkeit des "Gesellschaftsmenschen" widerspricht Hölderlins kleinstädtisch- schwäbischer Herkunft ebenso, wie sie seiner empfindsamen Seele fremd ist. In einem Brief an die Schwester vergleicht er die beiden Welten:
"Dein Glük ist ächt; Du lebst in einer Sphäre, wo nicht viele Reichen, und nicht viele Edelleute überhaupt nicht viel Aristokraten sind: und nur in der Gesellschaft, wo die goldene Mittelmäßigkeit zu Hause ist, ist noch Glück und Friede und Herz und reiner Sinn zu finden (...).
Hier siehst Du, wenig ächte Menschen ausgenommen, lauter ungeheure Karikaturen. Bei den meisten wirkt ihr Reichtum wie bei Bauern neuer Wein; denn gerad so läppisch, schwindlich, grob und übermüthig sind sie." (An die Schwester, April '98 StA 6,1 S.270)
Der kapitalistische Geist der Metropole und das Repräsentationsbedürfnis des Großbürgertums verdrießt ihn gehörig. Er spürt, in dieser Welt ist Bildung käuflich, eine Ware, und als solche hat sie zwar einen Preis, aber keine höhere Würde mehr. Damit ist auch der Vermittler dieser Ware käuflich und folglich austauschbar. In einem späteren Brief an die Mutter wird Hölderlin dies ganz deutlich formulieren:
"Aber der unhöfliche Stolz, die geflissentliche tägliche Herabwürdigung aller Wissenschaft und aller Bildung, die Äußerungen, daß die Hofmeister auch Bedienten wären, daß sie nichts besonders für sich fordern könnten, weil man sie für das bezahle, was sie thäten, (...) - das kränkte mich, so sehr ich suchte, mich darüber weg zu setzen, doch immer mehr und gab mir manchmal einen stillen Ärger, der für Leib und Seele niemals gut ist." (An die Mutter 10.10.1798, StA 6,1 S.283)
Ein Umstand aber, den er der Mutter gewiss nicht mitgeteilt hat, dürfte ganz entscheidend für den seelischen Verdruss des jungen Mannes gewesen sein:
Er musste bei solchen Gesellschaften miterleben, wie seine sonst so wesens- und geistesverwandte Susette ihre Rolle als Hausherrin perfekt ausfüllt, wie sie repräsentierte, mit den Gästen scherzt, sie unterhält und ihren Hauslehrer darüber zu vergessen scheint.
In dieser Zeit schrieb Hölderlin ein Gedicht mit dem Titel »Die Eichbäume«: Darin wandert ein lyrisches Ich heraus aus den von "fleißigen Menschen" gepflegten Gärten und hinauf in die Berge, wo die Eichbäume wie ein "Volk von Titanen" stehen, jeder für sich gewaltig und wie "ein Gott".
Angesichts dieser erhabenen Unabhängigkeit der mächtigen Eichen wird sich das lyrische Ich seiner "Knechtschaft" in der Gesellschaft der Menschen bewusst. Das in Hexametern verfasste Gedicht endet mit den folgenden Zeilen:
"Könnt ich die Knechtschaft nur erdulden, ich neidete nimmer
Diesen Wald und schmiegte mich gern ans gesellige Leben.
Fesselte nur nicht mehr ans gesellige Leben das Herz mich,
Das von Liebe nicht läßt, wie gern würd ich unter euch wohnen!"

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