Samstag, 21. März 2026

Friedrich Hölderlin in Frankfurt

Friedrich Hölderlin


Friedrich Hölderlin lebte und arbeitete seit Anfang des Jahres 1796 als "Privaterzieher" im Hause des Frankfurter Bankiers Gontard. Er unterrichtete den einzigen Sohn des Hauses, Henry, in fast allen Fächern, mit Ausnahme von Fechten, Tanzen und Französisch. Sein Gehalt war recht ansehnlich, seine Stellung aber die eines Bediensteten im Range des Küchenpersonals ("Domestik"). Die Mutter seines Zöglings, Susette Gontard, war seine Vorgesetzte, ein Jahr älter als er und - ganz im Gegensatz zu ihrem Gatten - an schöner Literatur, an Musik und neuerer Philosophie sehr interessiert.

Im Mai 1796 zog die Familie in ein Landhaus außerhalb der Stadt, der Hausherr ging in Frankfurt tagsüber weiter seinen Geschäften nach.

"... den ganzen morgen ist F[rau] G[ontard] mit Höl: oben in der Laube u im Kabinett", vertraut Marie Rätzer, die Erzieherin der Gontard-Töchter, brieflich einer Freundin in. Erst Ende September kehren Erzieher und Zöglinge in die Stadt zurück. Dort musste sich Hölderlin wieder in den großbürgerlichen Lebensstil schicken, aber das fiel ihm schwer und in Briefen an die Angehörigen zuhause klagt er immer häufiger über seine geringe gesellschaftliche Stellung im Hauswesen des Banquiers:

"..dieses ganze Jahr haben wir fast beständig Besuche, Feste und Gott weiß! was alles gehabt, wo dann freilich meine Wenigkeit immer am schlimmsten wegkommt, weil der Hofmeister besonders in Frankfurt überall das fünfte Rad am Wagen ist, und doch der Schicklichkeit wegen muß dabei seyn." (An die Mutter Anfang 1798, StA 6,1 S.259)

Die eitle Umtriebigkeit des "Gesellschaftsmenschen" widerspricht Hölderlins kleinstädtisch- schwäbischer Herkunft ebenso, wie sie seiner empfindsamen Seele fremd ist. In einem Brief an die Schwester vergleicht er die beiden Welten:
"Dein Glük ist ächt; Du lebst in einer Sphäre, wo nicht viele Reichen, und nicht viele Edelleute überhaupt nicht viel Aristokraten sind: und nur in der Gesellschaft, wo die goldene Mittelmäßigkeit zu Hause ist, ist noch Glück und Friede und Herz und reiner Sinn zu finden (...).

Hier siehst Du, wenig ächte Menschen ausgenommen, lauter ungeheure Karikaturen. Bei den meisten wirkt ihr Reichtum wie bei Bauern neuer Wein; denn gerad so läppisch, schwindlich, grob und übermüthig sind sie." (An die Schwester, April '98 StA 6,1 S.270)

Der kapitalistische Geist der Metropole und das Repräsentationsbedürfnis des Großbürgertums verdrießt ihn gehörig. Er spürt, in dieser Welt ist Bildung käuflich, eine Ware, und als solche hat sie zwar einen Preis, aber keine höhere Würde mehr. Damit ist auch der Vermittler dieser Ware käuflich und folglich austauschbar. In einem späteren Brief an die Mutter wird Hölderlin dies ganz deutlich formulieren:

"Aber der unhöfliche Stolz, die geflissentliche tägliche Herabwürdigung aller Wissenschaft und aller Bildung, die Äußerungen, daß die Hofmeister auch Bedienten wären, daß sie nichts besonders für sich fordern könnten, weil man sie für das bezahle, was sie thäten, (...) - das kränkte mich, so sehr ich suchte, mich darüber weg zu setzen, doch immer mehr und gab mir manchmal einen stillen Ärger, der für Leib und Seele niemals gut ist." (An die Mutter 10.10.1798, StA 6,1 S.283)

Ein Umstand aber, den er der Mutter gewiss nicht mitgeteilt hat, dürfte ganz entscheidend für den seelischen Verdruss des jungen Mannes gewesen sein:

Er musste bei solchen Gesellschaften miterleben, wie seine sonst so wesens- und geistesverwandte Susette ihre Rolle als Hausherrin perfekt ausfüllt, wie sie repräsentierte, mit den Gästen scherzt, sie unterhält und ihren Hauslehrer darüber zu vergessen scheint.

In dieser Zeit schrieb Hölderlin ein Gedicht mit dem Titel »Die Eichbäume«: Darin wandert ein lyrisches Ich heraus aus den von "fleißigen Menschen" gepflegten Gärten und hinauf in die Berge, wo die Eichbäume wie ein "Volk von Titanen" stehen, jeder für sich gewaltig und wie "ein Gott".

Angesichts dieser erhabenen Unabhängigkeit der mächtigen Eichen wird sich das lyrische Ich seiner "Knechtschaft" in der Gesellschaft der Menschen bewusst. Das in Hexametern verfasste Gedicht endet mit den folgenden Zeilen:


    "Könnt ich die Knechtschaft nur erdulden, ich neidete nimmer
    Diesen Wald und schmiegte mich gern ans gesellige Leben.
    Fesselte nur nicht mehr ans gesellige Leben das Herz mich,
    Das von Liebe nicht läßt, wie gern würd ich unter euch wohnen!"

»Der Frühling« von Friedrich Hölderlin

Friedrich Hölderlin




Die Sonne glänzt, es blühen die Gefilde,
Die Tage kommen blütenreich und milde,
Der Abend blüht hinzu, und helle Tage gehen
Vom Himmel abwärts, wo die Tag entstehen.

Das Jahr erscheint mit seinen Zeiten
Wie eine Pracht, wo sich Feste verbreiten,
Der Menschen Tätigkeit beginnt mit neuem Ziele,
So sind die Zeichen in der Welt, der Wunder viele.

»Der Frühling« von Friedrich Hölderlin

Friedrich Hölderlin im Jahre 1796 (K)

Friedrich Hölderlin


Das Jahr 1796 ist für den 26-jährigen Hölderlin ein gutes Jahr. Er schafft den Sprung aus der Provinzstadt Nürtingen in die Großstadt Frankfurt (40 000 Einwohner), er bekleidet eine gut bezahlte Stelle mit angenehmen Arbeitsbedingungen, und er lernt die Frau seines Lebens kennen. Zwar herrscht Krieg, Frankfurt wird von französischen Truppen bombadiert und muß sich ergeben, jedoch trübt dies das "stille Glük" nur wenig, denn man war rechtzeitig aus der Stadt geflüchtet und konnte sich alsbald in ländlicher Einsamkeit der Natur, der Kunst, der Liebe und der Erziehung widmen. Doch zuerst ein kurzer Rückblick:

Nach seinen" grausam fehlgeschlagenen Bemühungen" (6,1 S.177*) als Erzieher bei der Majorsgattin Charlotte v. Kalb, nach seinem plötzlichen Verschwinden aus der Universitätsstadt Jena und nach monatelangem Herumhängen in der schwäbischen Provinz klärt sich für den jungen Mann die Lage: Durch Vermittlung des Arztes, Reiseschriftstellers und Gesinnungsgenossen Ebel erhält er eine Hauslehrerstelle in Frankfurt. Im Gegensatz zum traditionellen Hofmeister, der seinen adligen Zögling in die Umgangsformen und den Lebensstil seines Standes einzuüben hatte - unter anderem als Begleiter und Reiseführer auf der Kavalierstour durch fremde Länder - sollte der Informator oder Hauslehrer schon bürgerlich-modernere Erziehungsziele verwirklichen: Wissenserwerb und Bildung des Intellekts.

Und weil der Hauslehrer sich die Erziehungsarbeit mit der Frau des Hauses teilte, gehörte er in den häuslich-weiblichen Herrschaftsbereich. Vor den daraus nicht selten entstehenden Komplikationen wird in einem 1796 erschienenen Buch über die "Grundsätze der Erziehung und des Unterricht für Eltern, Hauslehrer und Erzieher" eindringlich gewarnt:

"Daß der Hauslehrer vorzüglich viel Delicatesse im Umgang mit der Hausfrau nöthig hat, liegt in der Natur der Sache. Mit jedem zu sehr annähernden Schritt, jedem Suchen des Geheimnisses von ihrer Seite, wird der weise Mann einen Schritt zurücktreten. Er wird sogar je eher je lieber das Haus verlassen, worin die Ruhe - vielleicht endlich gar die Tugend - zweyer Personen in Gefahr kommt. ... Die Flucht allein macht hier den braven Mann." (August Hermann Niemeyer: Grundsätze..., Halle 1796 S.313)

Am 10. Januar 1796 tritt Hölderlin seinen Dienst im Hause Gontard in Frankfurt an. Er erhält 400 Gulden Jahresgehalt, Kost und Wohnung frei und zur Frankfurter Messe - also im Frühjahr und im Herbst - " ein sehr beträchtlich Geschenk 6,1 S.219).

Er verdient besser als der Frankfurter Stadtbibliothekar und kann in fast drei Jahren 500 Gulden, also mehr als ein Jahresgehalt sparen. Sein Schüler ist der achtjährige Henry, für dessen drei jüngeren Schwestern ist eine Erzieherin, die junge Marie Rätzer aus Bern, zuständig. Der Unterricht beschränkt sich auf den Vormittag und umfaßt die Fächer Geschichte, römische Geschichte, Deutsch und Geographie. Für Französisch wird eigens ein" französischer Meister" bemüht, ebenso für Schönschreiben, Zeichnen, Rechnen, Tanzen und Fechten. Demgegenüber gehört es noch zu den Pflichten des Hauslehrers, bei den zahlreichen Gesellschaften, die der Bankier in seinem Hause unterhält, anwesend zu sein. Ansonsten geht der Hausherr ganz in seinen Geschäften auf, sein Leitspruch lautet
"den Börsenkurs verstehe ich aufs Haar, aber wie die Kinder geleitet werden sollen oder was sie lernen müssen, das ist nicht meine Sache; dafür muß die Mutter sorgen." (7,2 S.65) Diese Mutter, Susette Gontard, ein Jahr älter als Hölderlin, ist belesen, kunstsinnig und an Fragen moderner Pädagogik sehr interessiert. Augenzeugen rühmen ihre Schönheit:" reiner schöner Tizianischer Teint" (Wilhelm Heinse) und ihr Wesen:" Sanftmuth, Güte, richtiger Verstand, und dieü ber ihre ganze Person verbreitete Grazie bezaubern" (Ludwig Zeerleder). Hölderlin selbst schreibt an den Studienfreund Neuffer:

"Lieber Freund! Es gibt ein Wesen auf der Welt, woran mein Geist Jahrtausende verweilen kann (...) Lieblichkeit und Hoheit, und Ruh und Leben, u. Geist und Gemüth und Gestalt ist Ein seeliges Eins in diesem Wesen." (6,1 S.213)

Bei weitgehender Abwesenheit des Hausherrn bilden Susette Gontard, ihr Sohn, der Hauslehrer, ihre drei Töchter und deren Gouvernante eine innige pädagogisch-musische Einheit, in der gebildet geplaudert, angeregt musiziert - Besetzung Flöte (Hölderlin), Klavier (S. Gontard), Gitarre (M. Rätzer) - und natürlich tüchtig gelernt wird. Zwischen Frühjahrs- und Herbstmesse bezieht die Familie Gontard ein Landhausö stlich der Stadt, zum einen um der drangvollen Enge der Stadt zu entkommen, zum anderen um im Geiste Rousseaus der "Natur" nahe zu sein. Hölderlin erinnert sich 1799 in einem Brief an Susette dieses ländlichen Glückes:

"Das war Triumph! beede so frei und stolz und wach und blühend und glänzend an Seel und Herz und Auge und Angesicht, und beede so in himmlischem Frieden neben einander!" (6,1 S.337)

Jedoch, die schöne Geselligkeit wird" auf frappante Art unterbrochen " (6,1 S.212): Die Kampfhandlungen zwischen Frankreich und Österreich flammen wieder auf, die Armee des General Jourdan überschreitet den Rhein und steht Anfang Juli vor Frankfurt. Hölderlin schreibt an den Bruder:

"Ich reise deßwegen mit der ganzen Familie noch heute nach Hamburg ab, wo sich Verwandte meines Haußes befinden. HE. Gontard bleibt allein hier." (a.a.O.)

Tags darauf, am 11. Juli, reiht sich die Familie in den Flüchtlingsstrom nach Norden ein. Es muß chaotisch zugegangen sein. Ein Augenzeuge berichtet:

" ...man flüchtete, man packte alles, was man konnte. Das Gedränge der Wagen, Kutschen usw. hatte kein Ende und alles sah mit Furcht den Augenblick immer näher kommen, der uns der Gewalt unserer Feinde überlieferte." (Hölderlin-Jahrbuch 1969/70, S.255)

Die Flucht der Gontards führt zu einer dreimonatigen Abwesenheit von Frankfurt, das in dieser Zeit bombadiert, erobert und zurückerobert wird; allerdings erreicht man Hamburg, wo Susettes Familie wohnt, nicht. Im neutralen Hessen-Kassel werden die Pläne geändert, die Reisegesellschaft beschließt, in Bad Driburg, einem Badeort in der Nähe von Paderborn, den Fortgang der Kampfhandlungen abzuwarten. Aus der" Flucht" wird eine erholsame Badereise, mehr noch: ein großartiges Bildungserlebnis.

In Kassel stößt nämlich der mit den Gontards befreundete Dichter Wilhelm Heinse hinzu," ein herrlicher alter Mann"(6,1 S.236) von stattlichen 50 Jahren, der die jungen Leute kompetent durch die bedeutenden Museen und Gemäldegalerien Kassels führt. Hölderlin begegnet hier zum ersten Mal großer bildender Kunst, vor allem Zeugnissen der Antike. Die Gesprächeü ber das Geschaute werden dann im stillen Bad Driburg (14 Badegäste) fortgesetzt; ein größerer Kontrast als der zwischen den Frankfurter Kriegswirren und der Beschaulichkeit dieses Ortes ist schwer vorstellbar. Hölderlin an den Bruder:

"wir ... machten weiters keine Bekanntschaften, brauchten auch keine, denn wir wohnten unter herrlichen Bergen und Wäldern und machten unter uns selbst den besten Cirkel aus."(6,1 S.217)

Der Frieden des Ortes, die Schönheit der Natur, die Nähe der geliebten Frau, die unmittelbare Erfahrung antiker Kunst und das gepflegte Gespräch - was konnte dem jungen Mann Besseres widerfahren? Und noch ein neues Thema tritt hinzu: das" Vaterländische". Man wohnt nämlich "nur eine halbe Stunde von dem Thale (...), wo Hermann die Legionen des Varus schlug."(a.a.O.).

In Frankfurt dann wieder nüchternes Geschäftsleben und prosaischer Alltag. Es erreicht ihn die Nachricht vom Selbstmord seines Förderers Gotthold Friedrich Stäudlin. Er hat die ersten Gedichte Hölderlins veröffentlicht und den Kontakt zu Schiller hergestellt. Im September war er bei Kehl in den Rhein gesprungen, nachdem der Würtembergisch-Herzogliche Zensor es ihm unmöglich gemacht hatte, in Württemberg und Baden als Schriftsteller zuü berleben.
Die dem freiheitlich gesinnten Geist widrigen Verhältnisse in Württemberg sind Hölderlin aus eigener Erfahrung genügend bekannt, unklarer steht es für ihn um die französischen Verhältnisse.

Im September war Ebel, der Revolutions-Begeisterte, nach Paris abgereist, um die erste Republik der Geschichte kennenzulernen. Im Oktober erhält Hölderlin einen" sehr kläglichen Brief" (Susette Gontard an ihren Gatten 7,2 S.79), in welchem sich Ebel enttäuscht über die Politik des Direktoriums äußert. Auf deutschem Gebiet wüten die revolutionären Truppen nicht anders als die kaiserlichen, Greuelmeldungen sind im Umlauf, und Hölderlins Hoffnung auf die Befreiung der von Fürstenwillkür niedergehaltenden deutschen Lande durch die französischen Revolutionstruppen gerät ins Wanken.

"Ich mag nicht viel über den politischen Jammer sprechen", schreibt er an den Bruder."Ich bin seit einiger Zeit sehr stilleü ber alles, was unter uns vorgeht." (6,1 S.218)

Trotz alledem, auch Erfreuliches geschieht. Im Oktober kann Hölderlin seinem Tübinger Gesinnungs- und Stubengenossen Hegel zu einer Hauslehrerstelle in Frankfurt verhelfen. Dessen künftiger Arbeitgeber wird der kultivierte Weinhändler Gogel nur wenige Häuser weiter sein, und Hölderlin sieht der baldigen Nähe des "ruhigen Verstandesmenschen" Hegel mit großen Erwartungen entgegen.

In Homburg besucht er seinen Jenaer Studiengefährten Isaak von Sinclair, der nun im Dienst des Landgrafen von Homburg steht. Welch eine außergewöhnliche Karriere: Gerade erst als Studentenbündler und Rädelsführer der Univeristät verwiesen (consilium abeundi) und schon wenig später in den diplomatischen Dienst des Nachbarlandes aufgenommen! Für Hölderlin wird dieser Kontakt noch sehr wichtig werden.
Endlich schreibt auch Übervater Schiller wieder! Seit mehr als einem Jahr hat er auf Hölderlins unterthänigste Briefe ("Verehrungswürdigster!") nicht reagiert. Das war umso bitterer, als Hölderlin sich die Veröffentlichung einiger Gedichte erhoffte. Jetzt, im November, kommt ein Brief:

"Ich habe Sie keineswegs vergessen, lieber Freund", heißt es darin. Schiller stellt in Aussicht " in dem nächsten Almanach einige reife und bleibende Früchte Ihres Talentes" abzudrucken, jedoch:" Fliehen Sie wo möglich die philosophischen Stoffe ... bleiben Sie der Sinnenwelt näher..." (7,1 S.46)

Und schließlich meldet wieder die Heimat, bzw. die Mutter, Ansprüche an: Er soll nach Nürtingen zurück und dort eine Oberlehrerstelle in der Lateinschule übernehmen. Hölderlins denkwürdige Antwort lautet:

"Schulmeistern könnt' ich unmöglich, und 40 Knaben nach reinen Grundsätzen und mit anhaltendem belebendem Eifer zu erziehen, ist wahrhaft eine Riesenarbeit, besonders wo häusliche Erziehung und anderweitige Anstalten so sehr entgegenwirken." (6,1 S.225)

Er hat sich entschieden! Nicht nur für die Privaterziehung, sondern auch für seine Berufung zum Dichter und" Volkserzieher". Das bedeutendste Ergebnis dieser Berufung ist der Briefroman " Hyperion", welcher hier in Frankfurt seine endgültige Form erhält und im folgenden Frühjahr veröffentlicht wird. Der Roman trägt den Untertitel "Der Eremit in Griechenland" und endet mit den Worten "Nächstens mehr."

Weblink:

Friedrich Hölderlin im Jahre 1796 - www.zum.de

Samstag, 21. Juni 2025

Friedrich Hölderlin in Waltershausen

Friedrich Hölderlin


Hölderlins erste Stelle bei der Majorsgattin Charlotte von Kalb in Waltershausen in Thüringen begann hoffnungsvoll und endete unglücklich. Zögling Fritz stellte sich bald als Problemfall heraus, an dem schon der Dorfpfarrer und der vorige Hauslehrer gescheitert waren. Der Knabe war 'verstockt', was auf ein 'Laster' zurückgeführt wurde, das der Hauslehrer Hölderlin durch unablässige Ablenkung, stetige Überwachung und gerechte Strenge zu verhindern suchte: Die Selbstbefriedigung. Nach dem Stande der damaligen Medizin führte dies zu Epilepsie, Stumpfsinn oder Rückenmarksschwindsucht. Hölderlin, der seine Aufgabe ernst nahm, verausgabte sich dabei körperlich und seelisch.

"..ich wagte meine Gesundheit durch fortgesetztes Nachtwachen, denn das machte sein Übel nötig, (...)und ich fing auch an, auf eine gefährliche Art an meinem Kopfe zu leiden, durch das öftere Wachen,wohl auch durch den Verdruß." (An Neuffer 19.1.1795 StA 6,1 S.150)

Hölderlins Situation war - nach damaligen Maßstäben - pädagogisch aussichtslos und drohte ihn zugrunde zu richten. Also trennte man sich. Am Ende wußte die aufgeklärte Frau v. Kalb mit ihrem mißratenen Fritz auch nicht mehr weiter und steckte ihn ins Gymnasium nach Weimar! Er wurde schließlich preußischer Offizier.
Aber da war noch etwas. Auf dem v. Kalbschen Gut, in jenem landschaftlich schönen, aber weltabgewandten Waltershausen trifft er auf Wilhelmine Kirms, Gesellschafterin der Frau v. Kalb und mit 22 Jahren bereits Witwe.

"...eine Dame von seltenem Geist und Herzen, spricht französisch und englisch und hat soeben die neuste Schrift von Kant bei mir gehohlt. Überdiss hat sie eine ser interessante Figur." (An die Schwester, StA 6,1 S.105)

Samstag, 10. Mai 2025

Friedrich Hölderlin im Jahre 1795 (K)

Friedrich Hölderlin


Im März des Jahres 1795 wurde Friedrich Hölderlin 25 Jahre alt. Er war gutaussehend, empfindsam, voller Projekte und - arbeitslos. Eineinhalb Jahre zuvor hatte er das Studium am Tübinger Stift abgeschlossen, durfte sich 'Magister' nennen und nun - im Frühjahr 95 - hatte er die erste Kündigung bereits hinter sich. Er war hochqualifiziert durch eine Ausbildung, die nur den besten des Schwabenlandes zuteil wurde, und er war besten Willens, sich zum Wohle der Menschheit einzusetzen. Wo aber fanden sich in den damaligen Kleinstaaten und Städten Deutschlands die Kanzleien oder Lehranstalten, welche diesen jungen Leuten angemessene Stellen anbieten konnten? Es gab sie nicht, oder - fast nicht. Da war ja noch die württembergische Kirche, die ihn sehr wohl haben wollte.

"Auch muß ich fürchten," schreibt er Ende 1793, "das Konsistorium möchte mich beim Kopf kriegen,und mich auf irgendeine Vikariatstelle zu einem Pfarrer hinzwingen, der keinen freiwilligen Vikar bekommen kann. Ich will aber mit allen Kräften mich um eine Hofmeisterstelle bewerben." (StA 6,1 S.91)Hölderlin wollte nicht predigen, er wollte erziehen: Kinder zu Menschen bilden. Das bedeutete jedoch auch, das Schwabenland, wo ihn der Arm der Kirchenleitung erreichen konnte, zu verlassen. So ging er ins 'Ausland': Thüringen, Frankfurt, die Schweiz, zuletzt Bordeaux. Er hätte auch die Lehrer-Laufbahn in einer "Erziehungsanstalt" anstreben können, aber davon hielt er nicht viel. Er setzte auf die Vorzüge der Privaterziehung, schließlich hatte er - wie es sich für fortschrittliche Intellektuelle gehörte - den großen Jean Jaques Rousseau und dessen Erziehungsroman »Emile« gelesen.

"Schulmeistern könnt' ich unmöglich," schreibt er der Mutter, als diese ihm die Präzeptoratsstelle an der Nürtinger Lateinschule offeriert, "und 40 Knaben nach reinen Grundsätzen und mit anhaltendem belebendem Eifer zu erziehen, ist wahrhaft eine Riesenarbeit, besonders wo häusliche Erziehung und anderweitige Anstalten so sehr entgegenwirken." (20.11.1796, StA 6,1 S.225)

Hölderlins erste Stelle bei der Majorsgattin Charlotte v. Kalb in Thüringen begann hoffnungsvoll und endete unglücklich. Zögling Fritz stellte sich bald als Problemfall heraus, an dem schon der Dorfpfarrer und der vorige Hauslehrer gescheitert waren. Der Knabe war 'verstockt', was auf ein 'Laster' zurückgeführt wurde, das der Hauslehrer Hölderlin durch unablässige Ablenkung, stetige Überwachung und gerechte Strenge zu verhindern suchte: Die Selbstbefriedigung. Nach dem Stande der damaligen Medizin führte dies zu Epilepsie, Stumpfsinn oder Rückenmarksschwindsucht. Hölderlin, der seine Aufgabe ernst nahm, verausgabte sich dabei körperlich und seelisch.

"..ich wagte meine Gesundheit durch fortgesetztes Nachtwachen, denn das machte sein Übel nötig, (...)und ich fing auch an, auf eine gefährliche Art an meinem Kopfe zu leiden, durch das öftere Wachen,wohl auch durch den Verdruß." (An Neuffer 19.1.1795 StA 6,1 S.150)

Hölderlins Situation war - nach damaligen Maßstäben - pädagogisch aussichtslos und drohte ihn zugrunde zu richten. Also trennte man sich. Am Ende wußte die aufgeklärte Frau v. Kalb mit ihrem mißratenen Fritz auch nicht mehr weiter und steckte ihn ins Gymnasium nach Weimar! Er wurde schließlich preußischer Offizier.
Aber da war noch etwas. Auf dem v. Kalbschen Gut, in jenem landschaftlich schönen, aber weltabgewandten Waltershausen trifft er auf Wilhelmine Kirms, Gesellschafterin der Frau v. Kalb und mit 22 Jahren bereits Witwe.

"...eine Dame von seltenem Geist und Herzen, spricht französisch und englisch und hat soeben die neuste Schrift von Kant bei mir gehohlt. Überdiss hat sie eine ser interessante Figur." (An die Schwester, StA 6,1 S.105)

Wilhelmine Kirms verläßt im Dezember '94 das Gut und bringt im Juli '95 ein uneheliches Kind zur Welt. Über die Zusammenhänge kann spekuliert werden, als potentielle Väter kämen außer dem jungen Hauslehrer noch der alte Major, der Pfarrer und der Gärtner in Frage, jedenfalls wird im Januar das Dienstverhältnis mit Hölderlin gelöst und Frau v. Kalb versieht ihn mit Geld auf ein Vierteljahr.

So beginnt das Jahr 1795. Hölderlin zieht in die nahegelegene Universitätsstadt Jena. Er hat fürs erste genug gearbeitet, jetzt will er bei dem berühmten Professor Fichte Philosophie studieren, möchte Gedichte schreiben, veröffentlichen und in Muße an seinem Romanprojekt, dem 'Hyperion', weiterarbeiten. Keine Stadt konnte da bessere Bedingungen bieten als Jena, die literarische und wissenschaftlicheHauptstadt Deutschlands, die Stadt der Zeitschriften und Journale.Und was benötigt ein 25-jähriger Mann noch? Er braucht Freunde! Solche, die seine Wellenlänge haben und ihn nehmen, wie er ist, aber auch solche, die ihm Orientierung geben und väterlichen Rat.

Den "Herzensfreund" findet er in dem 19-jährigen Adligen Isaac von Sinclair, mit welchem er im April einGartenhäuschen bezieht. Den väterlichen Freund findet er in dem verehrten Schiller, seit 1789 Professor für Geschichte. Dank diesem bekommt er Zugang zu den wichtigen Kreisen, gelangt in die Nähe Fichtes und trifft sogar Goethe. Die Zeit der Zusammenarbeit Goethes und Schillers - 'Weimarer Klassik' genannt - beginnt, und Schiller stellt Hölderlin Veröffentlichungsmöglichkeiten in deren geplanten Zeitschriften und Musen-Almanachen in Aussicht. Schillers Einfluß bewirkt sogar, daß der Verleger Cotta den noch unvollendeten 'Hyperion' zu veröffentlichen bereit ist - wenn auch für ein recht bescheidenes Honorar.

Die Dinge laufen gut für den jungen Mann. Er hat Freunde, Gönner, Beziehungen, kann veröffentlichen,bei Fichte Vorlesungen hören (abends 6-7 Uhr), muß nicht darben - und da geschieht das Unerwartete: Er verläßt Ende Mai plötzlich die Stadt und kehrt nicht wieder. Das 'Jenaische Projekt' ist beendet. Warum? Genaues weiß man nicht, vier Hypothesen seien aber angeführt:

1. Ende Mai gibt es in Jena wieder einmal Krawalle, organisiert von studentischen Geheimbünden mit so illustren Namen wie z.B. "Orden der Schwarzen Brüder". Isaak v. Sinclair ist daran maßgeblich beteiligt und wird als Rädelsführer der Universität verwiesen. Er verläßt Jena, Hölderlin ist (oder wäre) allein im Gartenhaus, fühlt sich gefährdet und möchte sich möglichen Untersuchungen entziehen. Hölderlins Beziehung zu Schiller erweist sich zunehmend als problematisch. Hölderlin empfindet dessen dichterische und persönliche Präsens plötzlich als übermächtig und meint, sich aus dessen Bann befreien zu müssen, um zu sich selbst zu kommen. Schiller ist darüber ziemlich sauer und beantwortet Hölderlins Briefe nicht. Eineinhalb Jahre lang herrscht Schweigen von Schillers Seite. Da Hölderlins Gemütsverfassung viele Wochen später in Nürtingen sehr depressiv ist, könnte die Flucht aus Jena schon als frühes Anzeichen der Geisteskrankheit gedeutet werden, quasi als ersten psychotischen Schub. Und schließlich? Vielleicht hat ihn die Nachricht von der bevorstehenden Niederkunft der Wilhelmine Kirms erreicht und er ist darüber so verwirrt, daß er in einer Kurzschlußhandlung alle Zelte abbricht.
Wie immer es auch gewesen sein mag, zwei Wochen nach seinem Verschwinden trifft Hölderlin in Heidelberg mit Johann Gottfried Ebel zusammen, eine Begegnung, die noch Sinclair vermittelt hat. Ebel ist Arzt, Reiseschriftsteller und Lebensgefährte von Margarete Gontard, der Schwester des Frankfurter Bankiers Jakob Friedrich Gontard, welcher seinerseits mit Susette Gontard geb. Borkenstein vermählt ist und vier Kinder hat. Für das älteste Kind, den achtjährigen Sohn Henry, wird ein Erzieher gesucht. Hölderlin und Ebel verstehen sich sofort, vor allem sind sie gleichermaßen von den Ideen der Französischen Revolution begeistert, und Ebel verspricht, sich bei den Gontards für ihn zu verwenden. So etwas hieß damals `Konnexion`!

Hölderlin reist weiter nach Nürtingen. Dort befällt ihn tiefe Schwermut, er klagt über innere Kälte, über den Winter in seinem Kopf. Wie später noch oft, wenn er seelisch und finanziell am Ende ist, sucht er Zuflucht in der 'Mutter-Stadt', aber schnell fällt ihm dann der kleinstädtische Himmel auf den Kopf und er wünscht sich wieder weg. Er muß aber auf Ebels Bescheid aus Frankfurt warten und der kommt nicht. Wie übersteht er diese Wartezeit, wie entkommt er dem Drängen der Mutter, die ihren Sohn endlich in einem schwäbischen Pfarrhaus untergebracht sehen will? Er nimmt Reißaus und besucht Freunde in Stuttgart, Vaihingen, Markgröningen, die Schwester Rike in Blaubeuren. Er arbeitet an seinen pädagogischen Überzeugungen, die er in einem Brief an Ebel - gleichsam als Eignungsnachweis - niederschreibt.

"Ich glaube," heißt es darin, "daß die Ungeduld, womit man seinem Zwecke zueilt, die Klippe ist, woran gerade oft die besten Menschen scheitern. So auch in der Erziehung. Man möchte so gerne in sechs Tagen mit seinem Schöpfungswerke zu Ende sein; das Kind soll oft Bedürfnisse befriedigen, die es noch nicht hat, und vernünftige Dinge anhören und fassen, ohne Vernunft! und das macht dann die Er-zieher, weil sie auf dem rechten Wege ihre Absicht nicht erreichen, tyrannisch und ungerecht, das macht den Erzieher und den Zögling gleich elend." (2. Sept. 1795, STA 6.1 S. )

Es wird Oktober, November, Weihnachten steht vor der Tür und Hölderlin sieht schon den Arm der Kirchenleitung auf sich zugreifen.

"...so muß ich erwarten," schreibt er an Ebel, "da die Weihnachtsfeiertage heranrüken, zu einem Pfarrer geschickt zu werden, um ihn zu unterstützen..." (November 1795, StA6,1 S.183)

Da kommt der erlösende Brief. Er soll in Frankfurt die Erziehung des kleinen Henry Gontard übernehmen, für 400 Gulden jährlich bei freier Kost und Logis, ein stattlicher Verdienst für einen Hauslehrer. Mitte Dezember sagt er in Nürtingen Adieu, erreicht Ende des Monats nach beschwerlicher Reise durch kriegsnahes Gebiet Frankfurt und lernt am 30. Dezember seinen neuen Zögling kennen. Wenige Tage später wird er auch die Hausherrin Susette Gontard, die Frau seines Lebens kennenlernen.

Weblink: Friedrich Hölderlin im Jahre 1795 - www.zum.de

Samstag, 12. April 2025

Friedrich Hölderlin in Jena

Friedrich Hölderlin


Hölderlin zog 1795 in die Universitätsstadt Jena. Er hatte für das erste genug gearbeitet, jetzt wollte er bei dem berühmten Professor Fichte Philosophie studieren, möchte Gedichte schreiben, veröffentlichen und in Muße an seinem Romanprojekt, dem »Hyperion«, weiterarbeiten. Keine Stadt konnte da bessere Bedingungen bieten als Jena, die literarische und wissenschaftliche Hauptstadt Deutschlands, die Stadt der Zeitschriften und Journale.Und was benötigt ein 25-jähriger Mann noch? Er braucht Freunde! Solche, die seine Wellenlänge haben und ihn nehmen, wie er ist, aber auch solche, die ihm Orientierung geben und väterlichen Rat.

Den "Herzensfreund" fand er in dem 19-jährigen Adligen Isaac von Sinclair, mit welchem er im April ein Gartenhäuschen bezog. Den väterlichen Freund fand er in dem verehrten Schiller, seit 1789 Professor für Geschichte.

Dank diesem bekam er Zugang zu den wichtigen Kreisen, gelangte in die Nähe Fichtes und traf sogar Goethe. Die Zeit der Zusammenarbeit Goethes und Schillers - »Weimarer Klassik« genannt - begann, und Schiller stellte Hölderlin Veröffentlichungsmöglichkeiten in deren geplanten Zeitschriften und Musen-Almanachen in Aussicht. Schillers Einfluß bewirkt sogar, daß der Verleger Cotta den noch unvollendeten »Hyperion« zu veröffentlichen bereit ist - wenn auch für ein recht bescheidenes Honorar.

Die Dinge liefen gut für den jungen Mann. Er hatte Freunde, Gönner, Beziehungen, kann veröffentlichen, bei Fichte Vorlesungen hören (abends von 6 bis 7 Uhr), mußte nicht darben - und da geschieht das Unerwartete: Er verließ Ende Mai plötzlich die Stadt und kehrte nicht wieder.

Das »Jenaische Projekt« war beendet. Warum? Genaues weiß man nicht, vier Hypothesen seien aber angeführt:

Ende Mai gab es in Jena wieder einmal Krawalle, organisiert von studentischen Geheimbünden mit so illustren Namen wie z.B. "Orden der Schwarzen Brüder". Isaak v. Sinclair ist daran maßgeblich beteiligt und wird als Rädelsführer der Universität verwiesen. Er verläßt Jena, Hölderlin ist (oder wäre) allein im Gartenhaus, fühlte sich gefährdet und möchte sich möglichen Untersuchungen entziehen.

Hölderlins Beziehung zu Schiller erweist sich zunehmend als problematisch. Hölderlin empfindet dessen dichterische und persönliche Präsens plötzlich als übermächtig und meint, sich aus dessen Bann befreien zu müssen, um zu sich selbst zu kommen. Schiller ist darüber ziemlich sauer und beantwortet Hölderlins Briefe nicht. Eineinhalb Jahre lang herrscht Schweigen von Schillers Seite.

Da Hölderlins Gemütsverfassung viele Wochen später in Nürtingen sehr depressiv war, könnte die Flucht aus Jena schon als frühes Anzeichen der Geisteskrankheit gedeutet werden, quasi als ersten psychotischen Schub.

Samstag, 22. März 2025

Hölderlin im Hause Zimmer

Holderlinturm

Für Friedrich Hölderlin wendete sich im Jahr 1807 das Schicksal zum Besseren. Er wurde aus der Autenrieth‘schen Anstalt in Tübingen als unheilbar entlassen und von dem Schreinermeister Zimmer für den Rest seines Lebens in einem Turmzimmer untergebracht.

Nach Ansicht des Arztes sollte er noch höchstens drei Jahre zu leben haben, seine Zeit im Turm dauerte dann aber 36 Jahre - man kann von seiner "Zweiten Hälfte des Lebens" sprechen.

Der Schreinermeister Zimmer war ein für damalige Verhältnisse gebildeter Mann, denn er las Bücher und mehr noch, er hatte Hölderlins Briefroman »Hyperion« gelesen und war begeistert.

Auch soll er von Kant, Fichte, Schelling, Novalis, Tieck und andern gesprochen haben, also von den angesagtesten und vielleicht schwierigsten Geistern der Zeit.

Rückblickend schreibt Zimmer 1835, inzwischen zum Obermeister der Tübinger Schreinerzunft aufgestiegen:

„Ich besuchte Hölderlin im Clinikum und Bedauerte ihn sehr, daß ein so schönner Herlicher Geist zu Grund gehen soll. Da im Clinikum nichts weiter mit Hölderlin zu machen war, so machte der Canzler Autenrit mir den Vorschlag Hölderlin in mein Hauß aufzunehmen, er wüßte kein pasenderes Lokal.“ (StA 7,3, Nr. 528)

Er hatte das Haus am Neckar 1807 gerade erst erworben und im Erdgeschoss seine Schreinerei eingerichtet. Im Turm wurde ein Zimmer für Hölderlin hergerichtet, für Kost und Logis kam die Mutter in Nürtingen auf.

Der Student Wilhelm Waiblinger schreibt am 3. Juli 1822: „Wir stiegen eine Treppe hinauf, als uns gleich ein wunderhübsches Mädchen entgegentrat. Ich weiß nicht ob mich ein großes lebendiges Auge ...
oder der allerliebste, zarte Hals und der junge, so liebliche Busen oder das Verhältnismäßige der kleinen Gestalt mehr entzückte, genug meine Blicke hingen trunken auf ihr, als sie uns fragte, zu wem wir wollten.

Die Antwort ward uns erspart, denn eine offene Tür zeigte uns ein kleines, geweißnetes Amphi-theatralisches Zimmer, ohne allen gewöhnlichen Schmuck, worin ein Mann stand, der seine Hände in den nur bis zu den Hüften reichenden Hosen stecken hatte und unaufhörlich vor uns Complimente machte.

Das Mädchen flüsterte, der ists!“ (StA 7,3)

Diese sicher sehr schwäbisch flüsternde Schönheit (der „isches“) war vielleicht Lotte Zimmer, des Schreinermeisters Tochter, zum damaligen Zeitpunkt neun Jahre alt. Sie widmete sich insbesondere nach dem Tode des Vaters dem kranken Dichter aufopfernd bis zu dessen Ende.

Sie hat nie geheiratet und heute trägt eine Straße in Tübingen ihren Namen. Vater und Tochter schreiben in regelmäßigen Abständen Briefe an Hölderlins Mutter in Nürtingen, in denen sie den momentanen Zustand ihres Sohnes schildern und sich dabei auch für das Geld bedanken, das ihnen die Mutter allvierteljährlich zukommen lässt.

So heißt es z.B. am 2. März 1813: „Hölderlin ist recht Brav und immer sehr Lustig.

Die Pfeifenköpfe haben Ihn gefreudt die Sie die güte hatten mit zu schücken.“ Oder am 22. Februar 1814: „Ihr Lieber Hölderle ist so braf das mann Ihn nicht beßer wünschen kan.“ Und schließlich Lotte Zimmer am 17. Januar 1841 an Hölderlins Schwägerin: Ihr Herr Schwager ließ sich das überschickte recht wohl schmecken,

Er befindet sich gegenwärtig recht wohl, ausgenommen daß Er Nachts oft sehr unruhig ist, was aber schon lange Jahre so ist ...“ (StA 7,3)