Samstag, 21. Juni 2025

Friedrich Hölderlin in Waltershausen

Friedrich Hölderlin


Hölderlins erste Stelle bei der Majorsgattin Charlotte von Kalb in Waltershausen in Thüringen begann hoffnungsvoll und endete unglücklich. Zögling Fritz stellte sich bald als Problemfall heraus, an dem schon der Dorfpfarrer und der vorige Hauslehrer gescheitert waren. Der Knabe war 'verstockt', was auf ein 'Laster' zurückgeführt wurde, das der Hauslehrer Hölderlin durch unablässige Ablenkung, stetige Überwachung und gerechte Strenge zu verhindern suchte: Die Selbstbefriedigung. Nach dem Stande der damaligen Medizin führte dies zu Epilepsie, Stumpfsinn oder Rückenmarksschwindsucht. Hölderlin, der seine Aufgabe ernst nahm, verausgabte sich dabei körperlich und seelisch.

"..ich wagte meine Gesundheit durch fortgesetztes Nachtwachen, denn das machte sein Übel nötig, (...)und ich fing auch an, auf eine gefährliche Art an meinem Kopfe zu leiden, durch das öftere Wachen,wohl auch durch den Verdruß." (An Neuffer 19.1.1795 StA 6,1 S.150)

Hölderlins Situation war - nach damaligen Maßstäben - pädagogisch aussichtslos und drohte ihn zugrunde zu richten. Also trennte man sich. Am Ende wußte die aufgeklärte Frau v. Kalb mit ihrem mißratenen Fritz auch nicht mehr weiter und steckte ihn ins Gymnasium nach Weimar! Er wurde schließlich preußischer Offizier.
Aber da war noch etwas. Auf dem v. Kalbschen Gut, in jenem landschaftlich schönen, aber weltabgewandten Waltershausen trifft er auf Wilhelmine Kirms, Gesellschafterin der Frau v. Kalb und mit 22 Jahren bereits Witwe.

"...eine Dame von seltenem Geist und Herzen, spricht französisch und englisch und hat soeben die neuste Schrift von Kant bei mir gehohlt. Überdiss hat sie eine ser interessante Figur." (An die Schwester, StA 6,1 S.105)

Samstag, 10. Mai 2025

Friedrich Hölderlin im Jahre 1795 (K)

Friedrich Hölderlin


Im März des Jahres 1795 wurde Friedrich Hölderlin 25 Jahre alt. Er war gutaussehend, empfindsam, voller Projekte und - arbeitslos. Eineinhalb Jahre zuvor hatte er das Studium am Tübinger Stift abgeschlossen, durfte sich 'Magister' nennen und nun - im Frühjahr 95 - hatte er die erste Kündigung bereits hinter sich. Er war hochqualifiziert durch eine Ausbildung, die nur den besten des Schwabenlandes zuteil wurde, und er war besten Willens, sich zum Wohle der Menschheit einzusetzen. Wo aber fanden sich in den damaligen Kleinstaaten und Städten Deutschlands die Kanzleien oder Lehranstalten, welche diesen jungen Leuten angemessene Stellen anbieten konnten? Es gab sie nicht, oder - fast nicht. Da war ja noch die württembergische Kirche, die ihn sehr wohl haben wollte.

"Auch muß ich fürchten," schreibt er Ende 1793, "das Konsistorium möchte mich beim Kopf kriegen,und mich auf irgendeine Vikariatstelle zu einem Pfarrer hinzwingen, der keinen freiwilligen Vikar bekommen kann. Ich will aber mit allen Kräften mich um eine Hofmeisterstelle bewerben." (StA 6,1 S.91)Hölderlin wollte nicht predigen, er wollte erziehen: Kinder zu Menschen bilden. Das bedeutete jedoch auch, das Schwabenland, wo ihn der Arm der Kirchenleitung erreichen konnte, zu verlassen. So ging er ins 'Ausland': Thüringen, Frankfurt, die Schweiz, zuletzt Bordeaux. Er hätte auch die Lehrer-Laufbahn in einer "Erziehungsanstalt" anstreben können, aber davon hielt er nicht viel. Er setzte auf die Vorzüge der Privaterziehung, schließlich hatte er - wie es sich für fortschrittliche Intellektuelle gehörte - den großen Jean Jaques Rousseau und dessen Erziehungsroman »Emile« gelesen.

"Schulmeistern könnt' ich unmöglich," schreibt er der Mutter, als diese ihm die Präzeptoratsstelle an der Nürtinger Lateinschule offeriert, "und 40 Knaben nach reinen Grundsätzen und mit anhaltendem belebendem Eifer zu erziehen, ist wahrhaft eine Riesenarbeit, besonders wo häusliche Erziehung und anderweitige Anstalten so sehr entgegenwirken." (20.11.1796, StA 6,1 S.225)

Hölderlins erste Stelle bei der Majorsgattin Charlotte v. Kalb in Thüringen begann hoffnungsvoll und endete unglücklich. Zögling Fritz stellte sich bald als Problemfall heraus, an dem schon der Dorfpfarrer und der vorige Hauslehrer gescheitert waren. Der Knabe war 'verstockt', was auf ein 'Laster' zurückgeführt wurde, das der Hauslehrer Hölderlin durch unablässige Ablenkung, stetige Überwachung und gerechte Strenge zu verhindern suchte: Die Selbstbefriedigung. Nach dem Stande der damaligen Medizin führte dies zu Epilepsie, Stumpfsinn oder Rückenmarksschwindsucht. Hölderlin, der seine Aufgabe ernst nahm, verausgabte sich dabei körperlich und seelisch.

"..ich wagte meine Gesundheit durch fortgesetztes Nachtwachen, denn das machte sein Übel nötig, (...)und ich fing auch an, auf eine gefährliche Art an meinem Kopfe zu leiden, durch das öftere Wachen,wohl auch durch den Verdruß." (An Neuffer 19.1.1795 StA 6,1 S.150)

Hölderlins Situation war - nach damaligen Maßstäben - pädagogisch aussichtslos und drohte ihn zugrunde zu richten. Also trennte man sich. Am Ende wußte die aufgeklärte Frau v. Kalb mit ihrem mißratenen Fritz auch nicht mehr weiter und steckte ihn ins Gymnasium nach Weimar! Er wurde schließlich preußischer Offizier.
Aber da war noch etwas. Auf dem v. Kalbschen Gut, in jenem landschaftlich schönen, aber weltabgewandten Waltershausen trifft er auf Wilhelmine Kirms, Gesellschafterin der Frau v. Kalb und mit 22 Jahren bereits Witwe.

"...eine Dame von seltenem Geist und Herzen, spricht französisch und englisch und hat soeben die neuste Schrift von Kant bei mir gehohlt. Überdiss hat sie eine ser interessante Figur." (An die Schwester, StA 6,1 S.105)

Wilhelmine Kirms verläßt im Dezember '94 das Gut und bringt im Juli '95 ein uneheliches Kind zur Welt. Über die Zusammenhänge kann spekuliert werden, als potentielle Väter kämen außer dem jungen Hauslehrer noch der alte Major, der Pfarrer und der Gärtner in Frage, jedenfalls wird im Januar das Dienstverhältnis mit Hölderlin gelöst und Frau v. Kalb versieht ihn mit Geld auf ein Vierteljahr.

So beginnt das Jahr 1795. Hölderlin zieht in die nahegelegene Universitätsstadt Jena. Er hat fürs erste genug gearbeitet, jetzt will er bei dem berühmten Professor Fichte Philosophie studieren, möchte Gedichte schreiben, veröffentlichen und in Muße an seinem Romanprojekt, dem 'Hyperion', weiterarbeiten. Keine Stadt konnte da bessere Bedingungen bieten als Jena, die literarische und wissenschaftlicheHauptstadt Deutschlands, die Stadt der Zeitschriften und Journale.Und was benötigt ein 25-jähriger Mann noch? Er braucht Freunde! Solche, die seine Wellenlänge haben und ihn nehmen, wie er ist, aber auch solche, die ihm Orientierung geben und väterlichen Rat.

Den "Herzensfreund" findet er in dem 19-jährigen Adligen Isaac von Sinclair, mit welchem er im April einGartenhäuschen bezieht. Den väterlichen Freund findet er in dem verehrten Schiller, seit 1789 Professor für Geschichte. Dank diesem bekommt er Zugang zu den wichtigen Kreisen, gelangt in die Nähe Fichtes und trifft sogar Goethe. Die Zeit der Zusammenarbeit Goethes und Schillers - 'Weimarer Klassik' genannt - beginnt, und Schiller stellt Hölderlin Veröffentlichungsmöglichkeiten in deren geplanten Zeitschriften und Musen-Almanachen in Aussicht. Schillers Einfluß bewirkt sogar, daß der Verleger Cotta den noch unvollendeten 'Hyperion' zu veröffentlichen bereit ist - wenn auch für ein recht bescheidenes Honorar.

Die Dinge laufen gut für den jungen Mann. Er hat Freunde, Gönner, Beziehungen, kann veröffentlichen,bei Fichte Vorlesungen hören (abends 6-7 Uhr), muß nicht darben - und da geschieht das Unerwartete: Er verläßt Ende Mai plötzlich die Stadt und kehrt nicht wieder. Das 'Jenaische Projekt' ist beendet. Warum? Genaues weiß man nicht, vier Hypothesen seien aber angeführt:

1. Ende Mai gibt es in Jena wieder einmal Krawalle, organisiert von studentischen Geheimbünden mit so illustren Namen wie z.B. "Orden der Schwarzen Brüder". Isaak v. Sinclair ist daran maßgeblich beteiligt und wird als Rädelsführer der Universität verwiesen. Er verläßt Jena, Hölderlin ist (oder wäre) allein im Gartenhaus, fühlt sich gefährdet und möchte sich möglichen Untersuchungen entziehen. Hölderlins Beziehung zu Schiller erweist sich zunehmend als problematisch. Hölderlin empfindet dessen dichterische und persönliche Präsens plötzlich als übermächtig und meint, sich aus dessen Bann befreien zu müssen, um zu sich selbst zu kommen. Schiller ist darüber ziemlich sauer und beantwortet Hölderlins Briefe nicht. Eineinhalb Jahre lang herrscht Schweigen von Schillers Seite. Da Hölderlins Gemütsverfassung viele Wochen später in Nürtingen sehr depressiv ist, könnte die Flucht aus Jena schon als frühes Anzeichen der Geisteskrankheit gedeutet werden, quasi als ersten psychotischen Schub. Und schließlich? Vielleicht hat ihn die Nachricht von der bevorstehenden Niederkunft der Wilhelmine Kirms erreicht und er ist darüber so verwirrt, daß er in einer Kurzschlußhandlung alle Zelte abbricht.
Wie immer es auch gewesen sein mag, zwei Wochen nach seinem Verschwinden trifft Hölderlin in Heidelberg mit Johann Gottfried Ebel zusammen, eine Begegnung, die noch Sinclair vermittelt hat. Ebel ist Arzt, Reiseschriftsteller und Lebensgefährte von Margarete Gontard, der Schwester des Frankfurter Bankiers Jakob Friedrich Gontard, welcher seinerseits mit Susette Gontard geb. Borkenstein vermählt ist und vier Kinder hat. Für das älteste Kind, den achtjährigen Sohn Henry, wird ein Erzieher gesucht. Hölderlin und Ebel verstehen sich sofort, vor allem sind sie gleichermaßen von den Ideen der Französischen Revolution begeistert, und Ebel verspricht, sich bei den Gontards für ihn zu verwenden. So etwas hieß damals `Konnexion`!

Hölderlin reist weiter nach Nürtingen. Dort befällt ihn tiefe Schwermut, er klagt über innere Kälte, über den Winter in seinem Kopf. Wie später noch oft, wenn er seelisch und finanziell am Ende ist, sucht er Zuflucht in der 'Mutter-Stadt', aber schnell fällt ihm dann der kleinstädtische Himmel auf den Kopf und er wünscht sich wieder weg. Er muß aber auf Ebels Bescheid aus Frankfurt warten und der kommt nicht. Wie übersteht er diese Wartezeit, wie entkommt er dem Drängen der Mutter, die ihren Sohn endlich in einem schwäbischen Pfarrhaus untergebracht sehen will? Er nimmt Reißaus und besucht Freunde in Stuttgart, Vaihingen, Markgröningen, die Schwester Rike in Blaubeuren. Er arbeitet an seinen pädagogischen Überzeugungen, die er in einem Brief an Ebel - gleichsam als Eignungsnachweis - niederschreibt.

"Ich glaube," heißt es darin, "daß die Ungeduld, womit man seinem Zwecke zueilt, die Klippe ist, woran gerade oft die besten Menschen scheitern. So auch in der Erziehung. Man möchte so gerne in sechs Tagen mit seinem Schöpfungswerke zu Ende sein; das Kind soll oft Bedürfnisse befriedigen, die es noch nicht hat, und vernünftige Dinge anhören und fassen, ohne Vernunft! und das macht dann die Er-zieher, weil sie auf dem rechten Wege ihre Absicht nicht erreichen, tyrannisch und ungerecht, das macht den Erzieher und den Zögling gleich elend." (2. Sept. 1795, STA 6.1 S. )

Es wird Oktober, November, Weihnachten steht vor der Tür und Hölderlin sieht schon den Arm der Kirchenleitung auf sich zugreifen.

"...so muß ich erwarten," schreibt er an Ebel, "da die Weihnachtsfeiertage heranrüken, zu einem Pfarrer geschickt zu werden, um ihn zu unterstützen..." (November 1795, StA6,1 S.183)

Da kommt der erlösende Brief. Er soll in Frankfurt die Erziehung des kleinen Henry Gontard übernehmen, für 400 Gulden jährlich bei freier Kost und Logis, ein stattlicher Verdienst für einen Hauslehrer. Mitte Dezember sagt er in Nürtingen Adieu, erreicht Ende des Monats nach beschwerlicher Reise durch kriegsnahes Gebiet Frankfurt und lernt am 30. Dezember seinen neuen Zögling kennen. Wenige Tage später wird er auch die Hausherrin Susette Gontard, die Frau seines Lebens kennenlernen.

Weblink: Friedrich Hölderlin im Jahre 1795 - www.zum.de

Samstag, 12. April 2025

Friedrich Hölderlin in Jena

Friedrich Hölderlin


Hölderlin zog 1795 in die Universitätsstadt Jena. Er hatte für das erste genug gearbeitet, jetzt wollte er bei dem berühmten Professor Fichte Philosophie studieren, möchte Gedichte schreiben, veröffentlichen und in Muße an seinem Romanprojekt, dem »Hyperion«, weiterarbeiten. Keine Stadt konnte da bessere Bedingungen bieten als Jena, die literarische und wissenschaftliche Hauptstadt Deutschlands, die Stadt der Zeitschriften und Journale.Und was benötigt ein 25-jähriger Mann noch? Er braucht Freunde! Solche, die seine Wellenlänge haben und ihn nehmen, wie er ist, aber auch solche, die ihm Orientierung geben und väterlichen Rat.

Den "Herzensfreund" fand er in dem 19-jährigen Adligen Isaac von Sinclair, mit welchem er im April ein Gartenhäuschen bezog. Den väterlichen Freund fand er in dem verehrten Schiller, seit 1789 Professor für Geschichte.

Dank diesem bekam er Zugang zu den wichtigen Kreisen, gelangte in die Nähe Fichtes und traf sogar Goethe. Die Zeit der Zusammenarbeit Goethes und Schillers - »Weimarer Klassik« genannt - begann, und Schiller stellte Hölderlin Veröffentlichungsmöglichkeiten in deren geplanten Zeitschriften und Musen-Almanachen in Aussicht. Schillers Einfluß bewirkt sogar, daß der Verleger Cotta den noch unvollendeten »Hyperion« zu veröffentlichen bereit ist - wenn auch für ein recht bescheidenes Honorar.

Die Dinge liefen gut für den jungen Mann. Er hatte Freunde, Gönner, Beziehungen, kann veröffentlichen, bei Fichte Vorlesungen hören (abends von 6 bis 7 Uhr), mußte nicht darben - und da geschieht das Unerwartete: Er verließ Ende Mai plötzlich die Stadt und kehrte nicht wieder.

Das »Jenaische Projekt« war beendet. Warum? Genaues weiß man nicht, vier Hypothesen seien aber angeführt:

Ende Mai gab es in Jena wieder einmal Krawalle, organisiert von studentischen Geheimbünden mit so illustren Namen wie z.B. "Orden der Schwarzen Brüder". Isaak v. Sinclair ist daran maßgeblich beteiligt und wird als Rädelsführer der Universität verwiesen. Er verläßt Jena, Hölderlin ist (oder wäre) allein im Gartenhaus, fühlte sich gefährdet und möchte sich möglichen Untersuchungen entziehen.

Hölderlins Beziehung zu Schiller erweist sich zunehmend als problematisch. Hölderlin empfindet dessen dichterische und persönliche Präsens plötzlich als übermächtig und meint, sich aus dessen Bann befreien zu müssen, um zu sich selbst zu kommen. Schiller ist darüber ziemlich sauer und beantwortet Hölderlins Briefe nicht. Eineinhalb Jahre lang herrscht Schweigen von Schillers Seite.

Da Hölderlins Gemütsverfassung viele Wochen später in Nürtingen sehr depressiv war, könnte die Flucht aus Jena schon als frühes Anzeichen der Geisteskrankheit gedeutet werden, quasi als ersten psychotischen Schub.

Samstag, 22. März 2025

Hölderlin im Hause Zimmer

Holderlinturm

Für Friedrich Hölderlin wendete sich im Jahr 1807 das Schicksal zum Besseren. Er wurde aus der Autenrieth‘schen Anstalt in Tübingen als unheilbar entlassen und von dem Schreinermeister Zimmer für den Rest seines Lebens in einem Turmzimmer untergebracht.

Nach Ansicht des Arztes sollte er noch höchstens drei Jahre zu leben haben, seine Zeit im Turm dauerte dann aber 36 Jahre - man kann von seiner "Zweiten Hälfte des Lebens" sprechen.

Der Schreinermeister Zimmer war ein für damalige Verhältnisse gebildeter Mann, denn er las Bücher und mehr noch, er hatte Hölderlins Briefroman »Hyperion« gelesen und war begeistert.

Auch soll er von Kant, Fichte, Schelling, Novalis, Tieck und andern gesprochen haben, also von den angesagtesten und vielleicht schwierigsten Geistern der Zeit.

Rückblickend schreibt Zimmer 1835, inzwischen zum Obermeister der Tübinger Schreinerzunft aufgestiegen:

„Ich besuchte Hölderlin im Clinikum und Bedauerte ihn sehr, daß ein so schönner Herlicher Geist zu Grund gehen soll. Da im Clinikum nichts weiter mit Hölderlin zu machen war, so machte der Canzler Autenrit mir den Vorschlag Hölderlin in mein Hauß aufzunehmen, er wüßte kein pasenderes Lokal.“ (StA 7,3, Nr. 528)

Er hatte das Haus am Neckar 1807 gerade erst erworben und im Erdgeschoss seine Schreinerei eingerichtet. Im Turm wurde ein Zimmer für Hölderlin hergerichtet, für Kost und Logis kam die Mutter in Nürtingen auf.

Der Student Wilhelm Waiblinger schreibt am 3. Juli 1822: „Wir stiegen eine Treppe hinauf, als uns gleich ein wunderhübsches Mädchen entgegentrat. Ich weiß nicht ob mich ein großes lebendiges Auge ...
oder der allerliebste, zarte Hals und der junge, so liebliche Busen oder das Verhältnismäßige der kleinen Gestalt mehr entzückte, genug meine Blicke hingen trunken auf ihr, als sie uns fragte, zu wem wir wollten.

Die Antwort ward uns erspart, denn eine offene Tür zeigte uns ein kleines, geweißnetes Amphi-theatralisches Zimmer, ohne allen gewöhnlichen Schmuck, worin ein Mann stand, der seine Hände in den nur bis zu den Hüften reichenden Hosen stecken hatte und unaufhörlich vor uns Complimente machte.

Das Mädchen flüsterte, der ists!“ (StA 7,3)

Diese sicher sehr schwäbisch flüsternde Schönheit (der „isches“) war vielleicht Lotte Zimmer, des Schreinermeisters Tochter, zum damaligen Zeitpunkt neun Jahre alt. Sie widmete sich insbesondere nach dem Tode des Vaters dem kranken Dichter aufopfernd bis zu dessen Ende.

Sie hat nie geheiratet und heute trägt eine Straße in Tübingen ihren Namen. Vater und Tochter schreiben in regelmäßigen Abständen Briefe an Hölderlins Mutter in Nürtingen, in denen sie den momentanen Zustand ihres Sohnes schildern und sich dabei auch für das Geld bedanken, das ihnen die Mutter allvierteljährlich zukommen lässt.

So heißt es z.B. am 2. März 1813: „Hölderlin ist recht Brav und immer sehr Lustig.

Die Pfeifenköpfe haben Ihn gefreudt die Sie die güte hatten mit zu schücken.“ Oder am 22. Februar 1814: „Ihr Lieber Hölderle ist so braf das mann Ihn nicht beßer wünschen kan.“ Und schließlich Lotte Zimmer am 17. Januar 1841 an Hölderlins Schwägerin: Ihr Herr Schwager ließ sich das überschickte recht wohl schmecken,

Er befindet sich gegenwärtig recht wohl, ausgenommen daß Er Nachts oft sehr unruhig ist, was aber schon lange Jahre so ist ...“ (StA 7,3)

Friedrich Hölderlin als Erzieher

Friedrich Hölderlin


"Auch muß ich fürchten," schreibt er Ende 1793, "das Konsistorium möchte mich beim Kopf kriegen,und mich auf irgendeine Vikariatstelle zu einem Pfarrer hinzwingen, der keinen freiwilligen Vikar bekommen kann. Ich will aber mit allen Kräften mich um eine Hofmeisterstelle bewerben." (StA 6,1 S.91)Hölderlin wollte nicht predigen, er wollte erziehen: Kinder zu Menschen bilden. Das bedeutete jedoch auch, das Schwabenland, wo ihn der Arm der Kirchenleitung erreichen konnte, zu verlassen. So ging er ins 'Ausland': Thüringen, Frankfurt, die Schweiz, zuletzt Bordeaux. Er hätte auch die Lehrer-Laufbahn in einer "Erziehungsanstalt" anstreben können, aber davon hielt er nicht viel.

Er setzte auf die Vorzüge der Privaterziehung, schließlich hatte er - wie es sich für fortschrittliche Intellektuelle gehörte - den großen Jean Jaques Rousseau und dessen Erziehungsroman »Emile« gelesen.

"Schulmeistern könnt' ich unmöglich," schreibt er der Mutter, als diese ihm die Präzeptoratsstelle an der Nürtinger Lateinschule offeriert, "und 40 Knaben nach reinen Grundsätzen und mit anhaltendem belebendem Eifer zu erziehen, ist wahrhaft eine Riesenarbeit, besonders wo häusliche Erziehung und anderweitige Anstalten so sehr entgegenwirken." (20.11.1796, StA 6,1 S.225)

Donnerstag, 12. Dezember 2024

»Der Einzige« von Friedrich Hölderlin


Was ist es, das
An die alten seligen Küsten
Mich fesselt, daß ich mehr noch
Sie liebe, als mein Vaterland?
Denn wie in himmlischer
Gefangenschaft gebückt, dem Tag nach sprechend
Dort bin ich, wo, wie Steine sagen, Apollo ging,
In Königsgestalt,
Und zu unschuldigen Jünglingen sich
Herabließ Zevs, und Söhn in heiliger Art
Und Töchter zeugte
Stumm weilend unter den Menschen.

Der hohen Gedanken aber
Sind dennoch viele
Gekommen aus des Vaters Haupt
Und große Seelen
Von ihm zu Menschen gekommen.
Und gehöret hab ich
Von Elis und Olympia, bin
Gestanden immerdar, an Quellen, auf dem Parnaß
Und über Bergen des Isthmus
Und drüben auch
Bei Smyrna und hinab
Bei Ephesos bin ich gegangen.

Viel hab ich Schönes gesehn
Und gesungen Gottes Bild
Hab ich, das lebet unter
Den Menschen. Denn sehr, dem Raum gleich, ist
Das Himmlische reichlich in
Der Jugend zählbar, aber dennoch,
Ihr alten Götter und all
Ihr tapfern Söhne der Götter,
Noch einen such ich, den
Ich liebe unter euch,
Wo ihr den letzten eures Geschlechts,
Des Hauses Kleinod mir
Dem fremden Gaste bewahret.

Mein Meister und Herr!
O du, mein Lehrer!
Was bist du ferne
Geblieben? und da
Ich sahe, mitten, unter den Geistern, den Alten
Die Helden und
Die Götter, warum bliebest
Du aus? Und jetzt ist voll
Von Trauern meine Seele
Als eifertet, ihr Himmlischen, selbst,
Daß, dien ich einem, mir
Das andere fehlet.

Ich weiß es aber, eigene Schuld
Ists, denn zu sehr,
O Christus! häng ich an dir,
Wiewohl Herakles Bruder
Und kühn bekenn ich, du
Bist Bruder auch des Eviers, der einsichtlich, vor Alters
Die verdrossene Irre gerichtet,
Der Erde Gott, und beschieden
Die Seele dem Tier, das lebend
Vom eigenen Hunger schweift' und der Erde nach ging,
Aber rechte Wege gebot er mit Einem Mal und Orte,
Die Sachen auch bestellt er von jedem.

Es hindert aber eine Scham
Mich, dir zu vergleichen
Die weltlichen Männer. Und freilich weiß
Ich, der dich zeugte, dein Vater ist
Derselbe. Nämlich Christus ist ja auch allein
Gestanden unter sichtbarem Himmel und Gestirn, sichtbar
Freiwaltendem über das Eingesetzte, mit Erlaubnis von Gott,
Und die Sünden der Welt, die Unverständlichkeit
Der Kenntnisse nämlich, wenn Beständiges das Geschäftige überwächst
Der Menschen, und der Mut des Gestirns war ob ihm. Nämlich immer jauchzet die Welt
Hinweg von dieser Erde, daß sie die
Entblößet; wo das Menschliche sie nicht hält. Es bleibet aber eine Spur
Doch eines Wortes; die ein Mann erhaschet. Der Ort war aber

Die Wüste. So sind jene sich gleich. Voll Freuden, reichlich. Herrlich grünet
Ein Kleeblatt. Ungestalt wär, um des Geistes willen, dieses, dürfte von solchen
Nicht sagen, gelehrt im Wissen einer schlechten Gebets, daß sie
Wie Feldherrn mir, Heroen sind. Des dürfen die Sterblichen wegen dem, weil
Ohne Halt verstandlos Gott ist. Aber wie auf Wagen
Demütige mit Gewalt
Des Tages oder
Mit Stimmen erscheinet Gott als
Natur von außen. Mittelbar
In heiligen Schriften. Himmlische sind
Und Menschen auf Erden beieinander die ganze Zeit. Ein großer Mann und ähnlich eine große Seele
Wenn gleich im Himmel.

Begehrt zu einem auf Erden. Immerdar
Bleibt dies, daß immergekettet alltag ganz ist
Die Welt. Oft aber scheint
Ein Großer nicht zusammenzutaugen
Zu Großem. Alle Tage stehn die aber, als an einem Abgrund einer
Neben dem andern. Jene drei sind aber
Das, daß sie unter der Sonne
Die Jäger der Jagd sind oder
Ein Ackersmann, der atmend von der Arbeit
Sein Haupt entblößet, oder Bettler. Schön
Und lieblich ist es zu vergleichen. Wohl tut
Die Erde. Zu kühlen.

»Der Einzige« von Friedrich Hölderlin

Samstag, 17. August 2024

Hölderlins Wanderung zu den Gleichbergen

Gleichberge

Zwei gewaltige gleichförmige Basaltkegel, welche sich aus der umliegenden Landschaft emporheben, dominieren weithin die thüringisch-fränkische Grabfeldlandschaft.

Die beiden Gleichberge nahe der Kleinstadt Römhild, auch Zwillingsberge genannt, ziehen alljährlich viele Natur-und Wanderfreunde in ihren Bann auf den Spuren eines berühmten Dichters.

Im August 1794 bestieg der Dichter die Gleichberge und notierte tags darauf, wie bezaubernd der Blick nach Süden sei, wo er am Horizont sein liebes Schwaben wähnte.

"So studirt’ ich am liebsten die Geographie der beiden Halbkugeln, wenn es sein müsst."

Samstag, 20. Juli 2024

»Hyperion« - ein Meisterwerk der deutschen Sprache?

Hyperion

Hyperion

"Wo ein Volk das Schöne liebt, wo es den Genius in seinen Künstlern ehrt, da weht wie Lebensluft ein allgemeiner Geist, da öffnet sich der scheue Sinn, der Eigendünkel schmilzt, und fromm und groß sind alle Herzen, und Helden gebiert die Begeisterung."

Hölderlins »Hyperion« entfacht wahrhaftig eine freudige Erregung, ob der wunderschönen Sprache und der tiefen Reflexionen über die Frage nach der Selbstverwirklichung im Spannungsverhältnis von Ideal und Wirklichkeit.

"Wie die Zephyre irrte mein Geist von Schönheit zu Schönheit selig umher. (...) Und all dies war die Sprache eines Wohlseins."

"Die Sprache ist ein großer Überfluss. Das Beste bleibt doch immer für sich und ruht in seiner Tiefe wie die Perle im Grunde des Meers", schreibt Hyperion an Bellarmin. Friedrich Hölderlin macht diese Perle seinem Leser zugängig. Man muss gar nicht so tief nach ihr tauchen.

"Es ist ein köstlich Wohlgefühl in uns, wenn so das Innere an seinem Stoffe sich stärkt, sich unterscheidet und getreuer anknüpft und unser Geist allmählich waffenfähig wird."

Friedrich - mögest du in Frieden ruhen, zusammen mit Diotima im Olymp und dort finden, was dir im Leben verwehrt geblieben ist

Sonntag, 14. Juli 2024

Friedrich Hölderlin und die Französische Revolution


Hölderlin war zutiefst inspiriert von den humanistischen Gedanken der Französischen Revolution und ihren Idealen einer freien und gleichen Gesellschaft, die er sich auch für Deutschland wünschte. Hölderlin war ein glühender Republikaner, für den die Französische Revolution, die er mit 19 erlebte, ein Erweckungserlebnis war, das für sein ganzes Leben bestimmend blieb.

Die durch das Datum der Französischen Revolution entfachte Begeisterung klang bei Hölderlin im Jahr 1797 zunächst so: "Ich glaube an eine künftige Revolution der Gesinnungen und Vorstellungsarten, die alles bisherige schaamroth machen wird." (Brief an J.G. Ebel vom 10. Jan. 1797).

Seine anfängliche Begeisterung für die Französische Revolution wich jedoch nach drei Jahren der Ernüchterung. Im November 1799 sprach Hölderlin (wieder in einem Brief an Ebel) von "der allmächtigen alles beherrschenden Noth" und endet mit: "Glüklich sind wir dann, wenn uns noch eine andere Hofnung bleibt! Wie finden Sie denn die neue Generation, in der Welt, die Sie umgiebt?"

Samstag, 13. Juli 2024

»Der Sommer« von Friedrich Hölderlin



Das Erntefeld erscheint, auf Höhen schimmert
Der hellen Wolke Pracht, indes am weiten Himmel
In stiller Nacht die Zahl der Sterne flimmert,
Groß ist und weit von Wolken das Gewimmel.

Die Pfade gehn entfernter hin, der Menschen Leben,
Es zeiget sich auf Meeren unverborgen,
Der Sonne Tag ist zu der Menschen Streben
Ein hohes Bild, und golden glänzt der Morgen.

Mit neuen Farben ist geschmückt der Gärten Breite,
Der Mensch verwundert sich, daß sein Bemühn gelinget,
Was er mit Tugend schafft, und was er hoch vollbringet,
Es steht mit der Vergangenheit in prächtigem Geleite.

»Der Sommer« von Friedrich Hölderlin


Video:

Friedrich Hölderlin: Der Sommer - Youtube

Samstag, 22. Juni 2024

Hölderlin und das idealisierte antike Griechenland


Dort, wo die Heimat keine Hoffnung geben kann, muss die Antike als Ersatz für das Pathos dienen. Hölderlin schwärmte auf dem Höhepunkt seines Schaffens von einer Rückkehr in die Antike, in der Menschen mit der Natur eine Einheit bilden. Griechenland war geradezu der Gegenentwurf der engen bürgerlichen Welt, in der Hölderlin sein Dasein fristete.

Griechenland, das Land der Hellenen - wie die Griechen im Altertum und in der Neuzeit sich selbst nannten - das Land der Sonne, des Homer und der Odysseus.


Hölderlin brauchte Griechenland nicht als Fluchtort, sondern als Imaginationsraum, an dem er aufzeigen kann, welche entscheidenden Seinsqualitäten im Lauf des Geschichts- und Kulturprozesses verloren gingen und was die Zukunft wiederherstellen muss. Hölderlin brauchte Griechenland als Projektionsfläche für seine ideale Vorstellung des Menschentums.

Zu Füßen des Olymp wurde von dne Griechen eine ganze Götterwelt erschaffen. Die Götter erfüllten die Welt mit Sinn.

"Daß Hölderlin trotz seiner Einsamkeit sein hellenisches Ideal durchhielt, ohne Kompromiß und ohne böse oder stumpfe Verzweiflung, mutig und selig trotz der Verbannung aus seiner inneren Heimat, glühend inmitten des Frostes und der Öde, königlich und heilig trotz der deutschen Hauslehrermisere: das macht ihn zu einem unserer heroischen Menschen."

Friedrich Gundolf, Literaturwissenschaftler (1880-1931)


Weblinks:

Griechenland - Der Garten der Götter - www.3sat.de

Schöpfungsmythen der Menschheit - www.mdr.de/wissen

»Hyperions Schicksalslied« von Friedrich Hölderlin


Hyperions Schicksalslied

Ihr wandelt droben im Licht
Auf weichem Boden, selige Genien!
Glanzende Götterlüfte
Rühren euch leicht,
Wie die Finger der Künstlerin
Heilige Saiten.

Schicksallos, wie der schlafende
Säugling, atmen die Himmlischen;
Keusch bewahrt
In bescheidener Knospe,
Blühet ewig
Ihnen der Geist,
Und die seligen Augen
Blicken in stiller
Ewiger Klarheit.

Doch uns ist gegeben,
Auf keiner Stätte zu ruhn,
Es schwinden, es fallen
Die leidenden Menschen
Blindlings von einer

Stunde zur andern,
Wie Wasser Voll Klippe
Zu Klippe geworfen,
Jahr lang ins Ungewisse hinab.


Hyperion, der rückschauend seinem deutschen Freund Bellarmin von seinem Leben berichtet, wächst in der Mitte des 18. Jahrhunderts in Südgriechenland im Frieden der Natur auf. Sein weiser Lehrer Adamas führt ihn in die Heroenwelt des Plutarch, dann in das Zauberland der griechischen Götter und begeistert ihn für die griechische Vergangenheit.

Hölderlin drängte es aus der Enge der bürgerlichen Konvention in die ferne Welt hinaus. Er sehnte sich nach einer Harmonie zwischen Mensch und Natur, wie er sie in einem idealisierten Bild des alten Griechenland erblickte und für die Zukunft wieder erhoffte.

Hyperions Le­bens­ge­schich­te ist Hölderlins li­te­ra­ri­sche Anklage gegen das spieß­bür­ger­li­che, dumpfe und ma­te­ria­lis­ti­sche Deutschland seiner Zeit, das ihm als Künstler und Idealisten kaum Luft zum Atmen ließ.


Literatur:

Hyperion

Hyperion



Samstag, 15. Juni 2024

»Der Einzige« von Friedrich Hölderlin


Was ist es, das
An die alten seligen Küsten
Mich fesselt, daß ich mehr noch
Sie liebe, als mein Vaterland?
Denn wie in himmlischer
Gefangenschaft gebückt, dem Tag nach sprechend
Dort bin ich, wo, wie Steine sagen, Apollo ging,
In Königsgestalt,
Und zu unschuldigen Jünglingen sich
Herabließ Zevs, und Söhn in heiliger Art
Und Töchter zeugte
Stumm weilend unter den Menschen.

Der hohen Gedanken aber
Sind dennoch viele
Gekommen aus des Vaters Haupt
Und große Seelen
Von ihm zu Menschen gekommen.
Und gehöret hab ich
Von Elis und Olympia, bin
Gestanden immerdar, an Quellen, auf dem Parnaß
Und über Bergen des Isthmus
Und drüben auch
Bei Smyrna und hinab
Bei Ephesos bin ich gegangen.

Viel hab ich Schönes gesehn
Und gesungen Gottes Bild
Hab ich, das lebet unter
Den Menschen. Denn sehr, dem Raum gleich, ist
Das Himmlische reichlich in
Der Jugend zählbar, aber dennoch,
Ihr alten Götter und all
Ihr tapfern Söhne der Götter,
Noch einen such ich, den
Ich liebe unter euch,
Wo ihr den letzten eures Geschlechts,
Des Hauses Kleinod mir
Dem fremden Gaste bewahret.

Mein Meister und Herr!
O du, mein Lehrer!
Was bist du ferne
Geblieben? und da
Ich sahe, mitten, unter den Geistern, den Alten
Die Helden und
Die Götter, warum bliebest
Du aus? Und jetzt ist voll
Von Trauern meine Seele
Als eifertet, ihr Himmlischen, selbst,
Daß, dien ich einem, mir
Das andere fehlet.

Ich weiß es aber, eigene Schuld
Ists, denn zu sehr,
O Christus! häng ich an dir,
Wiewohl Herakles Bruder
Und kühn bekenn ich, du
Bist Bruder auch des Eviers, der einsichtlich, vor Alters
Die verdrossene Irre gerichtet,
Der Erde Gott, und beschieden
Die Seele dem Tier, das lebend
Vom eigenen Hunger schweift' und der Erde nach ging,
Aber rechte Wege gebot er mit Einem Mal und Orte,
Die Sachen auch bestellt er von jedem.

Es hindert aber eine Scham
Mich, dir zu vergleichen
Die weltlichen Männer. Und freilich weiß
Ich, der dich zeugte, dein Vater ist
Derselbe. Nämlich Christus ist ja auch allein
Gestanden unter sichtbarem Himmel und Gestirn, sichtbar
Freiwaltendem über das Eingesetzte, mit Erlaubnis von Gott,
Und die Sünden der Welt, die Unverständlichkeit
Der Kenntnisse nämlich, wenn Beständiges das Geschäftige überwächst
Der Menschen, und der Mut des Gestirns war ob ihm. Nämlich immer jauchzet die Welt
Hinweg von dieser Erde, daß sie die
Entblößet; wo das Menschliche sie nicht hält. Es bleibet aber eine Spur
Doch eines Wortes; die ein Mann erhaschet. Der Ort war aber

Die Wüste. So sind jene sich gleich. Voll Freuden, reichlich. Herrlich grünet
Ein Kleeblatt. Ungestalt wär, um des Geistes willen, dieses, dürfte von solchen
Nicht sagen, gelehrt im Wissen einer schlechten Gebets, daß sie
Wie Feldherrn mir, Heroen sind. Des dürfen die Sterblichen wegen dem, weil
Ohne Halt verstandlos Gott ist. Aber wie auf Wagen
Demütige mit Gewalt
Des Tages oder
Mit Stimmen erscheinet Gott als
Natur von außen. Mittelbar
In heiligen Schriften. Himmlische sind
Und Menschen auf Erden beieinander die ganze Zeit. Ein großer Mann und ähnlich eine große Seele
Wenn gleich im Himmel.

Begehrt zu einem auf Erden. Immerdar
Bleibt dies, daß immergekettet alltag ganz ist
Die Welt. Oft aber scheint
Ein Großer nicht zusammenzutaugen
Zu Großem. Alle Tage stehn die aber, als an einem Abgrund einer
Neben dem andern. Jene drei sind aber
Das, daß sie unter der Sonne
Die Jäger der Jagd sind oder
Ein Ackersmann, der atmend von der Arbeit
Sein Haupt entblößet, oder Bettler. Schön
Und lieblich ist es zu vergleichen. Wohl tut
Die Erde. Zu kühlen.

»Der Einzige« von Friedrich Hölderlin

Hölderlin - der Griechenland-Enthusiast


Der Griechenland-Enthusiast Hölderlin feierte den Freiheitskampf der Griechen gegen das Osmanische Reich, zu lesen in seinem einzigen Roman, »Hyperion« – ebenso wie die Desillusionierung seines Helden über die enthemmten Bluttaten aufseiten der Freiheitskämpfer, worin sich Hölderlins Schauder über der Terror in Frankreich ausdrückte. Am Boden zerstört kam er, wie es im Roman heißt, zurück aus Griechenland, wieder „unter die Deutschen“.

Der Hintergrund für Hölderlins Griechenland Enthusiasmus war der Fr

Samstag, 8. Juni 2024

Friedrich Hölderlins Sehnen hinaus die Welt (E)


Hölderlin drängte es aus der Enge der bürgerlichen Konvention in die ferne Welt hinaus. Er sehnte sich nach einer Harmonie zwischen Mensch und Natur, wie er sie in einem idealisierten Bild des alten Griechenland erblickte und für die Zukunft wieder erhoffte.

Griechenland war der Gegenentwurf der engen bürgerlichen Welt, in der Höldelrin sein Dasein fristete. Er brauchte Griechenland nicht als Fluchtort, sondern als Imaginationsraum, an dem er aufzeigen kann, welche entscheidenden Seinsqualitäten im Lauf des Geschichts- und Kulturprozesses verloren gingen und was die Zukunft wiederherstellen muss.

Verloren war für den Dichter vor allem die ursprüngliche ungeteilte Einheit allen Seins, die "durch Götternähe erfüllte" Epoche der Menschheit. Verloren ist ein Idealzustand, den die griechische Philosophie mit "alles ist eins" umschreibt.

Der moderne Mensch, so klagt der Hyperion, der Held des gleichnamigen Briefromans, ist auseinandergebrochen "und treibt hin und wieder seine Künste mit sich selbst, als könnt er, wenn es einmal sich aufgelöst, Lebendiges zusammensetzen, wie ein Mauerwerk." Die Beschwörung Griechenlands und seiner Götter setzt einen starken Kontrast zu diesem trostlosen Zeitbefund. Und sie zeigt, was einst war und wieder werden soll.

Samstag, 18. Mai 2024

Hölderlins Wanderung zum Großen Gleichberg

Gleichberge

Zwei gewaltige gleichförmige Basaltkegel, welche sich aus der umliegenden Landschaft emporheben, dominieren weithin die thüringisch-fränkische Grabfeldlandschaft.

Die beiden Gleichberge nahe der Kleinstadt Römhild, auch Zwillingsberge genannt, ziehen alljährlich viele Natur-und Wanderfreunde in ihren Bann, doch fehlen manchmal Orientierungshilfen.

Gleichamberg – »Die Sonne glänzt, es blühen die Gefilde, die Tage kommen blütenreich und milde ...«, so heißt es in dem Frühlingsgedicht Der Frühling von Friedrich Hölderlin.

Im Frühjahr 1794 wanderte Friedrich Hölderlin vom fränkischen Waltershausen aus durch den Milzgrund zum Großen Gleichberg.

Von Dezember 1793 bis Dezember 1794 lebte Hölderlin als Hauslehrer in dem beschaulichen kleinen Ort Waltershausen in der südlichen Rhön. Schiller hatte ihm diese Stelle bei Charlotte von Kalb vermittelt. Seit 1986 ist das Schloss Waltershausen in Privatbesitz.

Friedrich Hölderlin Werdegang (K)

Friedrich Hölderlin, dessen 250. Geburtstag wir in diesem Jahr feiern, war glühender Republikaner, für den die Französische Revolution, die er mit 19 erlebte, ein Erweckungserlebnis war, das für sein ganzes Leben bestimmend blieb.

Hölderlin wollte der Dichter der Revolution sein und Anhänger ihrer Ausweitung auf Deutschland. Und er hat Friedrich Schiller als den deutschen Dichter der Freiheit zutiefst verehrt - als einen der beiden großen Dichterfürsten in Weimar, die klassisch geworden sind. Doch die Klassiker standen der großen Französischen Revolution skeptischdistanziert gegenüber. Und so klassisch werden, wie sie, wollte Hölderlin nicht.

Er dachte anders mit seinem »Hyperion« unter die Deutschen zu kommen: Gewiss er kämpfte vor allem um seine Anerkennung als Dichter – aber als Dichter einer württembergischen Revolution. Und er gehörte auch zu denen, die sie politisch planten. »Wenn’s sein mus, so zerbrechen wir unsere unglücklichen Saitenspiele, und thun, was die Künstler träumten«, schrieb er an den Freund Neuffer.

Eine französische Armee stand in Württemberg, doch das Direktorium in Paris wollte diese württembergische Revolution 1799 nicht. Sie findet nicht statt. Seinen Empedokles lässt Hölderlin rufen: »Diß ist die Zeit der Könige nicht mehr!« Er hat sein Theaterstück zur Feier der vergeblich erhofften württembergischen Revolution nach dem Frühjahr 1799 nie zu Ende geschrieben. Es gab nun keinen Ort, es aufzuführen.

Napoleon Bonaparte wurde Kaiser der Franzosen. Die heroischen Jahre der großen Revolution - auch blutige Jahre, in denen schon sie ihre Kinder fraß - waren vorbei.



Hölderlin hat Friedrich Schiller als den deutschen Dichter der Freiheit zutiefst verehrt - als einen der beiden großen Dichterfürsten in Weimar, die klassisch geworden sind. Er litt von Kindheit an, ähnlich wie Schiller, darunter, dem Landesherrn unmittelbar unterstellt zu sein, denn seine Eltern hatten ihn auf Klosterschulen geschickt (Hölderlin) und sich von diesem für ihren begabten Sohn ein Studium finanzieren lassen (beide), verbunden mit der Verpflichtung, ihm dann später zu dienen, hier der Theologie und als Pfarrer.

Damit erhielt er die höchstmögliche Ausbildung, die es in Schwaben gab.

Er verlor sowohl seinen Vater als auch seinen Stiefvater sehr früh.

An der Uni in Tübingen teilte Hölderlin sich mit Hegel und Schelling das Quartier, die drei saßen zusammen und entwarfen das erste Programm des deutschen Idealismus, den Hölderlin später in der Literatur und Hegel in der Philosophie vertreten sollte.

Hölderlin war zutiefst inspiriert von den humanistischen Gedanken der Französischen Revolution und ihren Idealen einer freien und gleichen Gesellschaft, die er sich auch für Deutschland wünschte.

Seine Dichtung widmete er dem Zweck dieser Umsetzung.

Nach dem Studium entkam er dem Würgegriff des Landesherrn und der Pfarrstelle, indem er Hauslehrer wurde.

Bald wechselte er nach Jena, wo sich damals die intellektuelle Blüte Deutschlands versammelte: sein 10 Jahre älterer Landsmann und Förderer Schiller, Goethe, Herder, Wieland, Hegel.

Dort bewegte er sich erfolgreich in künstlerisch-intellektuellen Kreisen. Weiterhin verkehrte er aber auch in republikanisch-politischen Kreisen.

Von Jena aus beobachtete man aufmerksam die Entwicklung der Revolution in Frankreich und war alsbald entsetzt über die blutige Terreur des Fanatikers Robespierre, die sowohl royale als auch gemäßigte Kräfte auf der Guillotine exekutierte.

Trotz des blutigen Terrors hielt Hölderlin an den ursprünglichen Idealen und Zielsetzungen fest.

In Deutschland wurden republikanische Bestrebungen von den Obrigkeiten verfolgt.

Trotz seiner guten Kontakte und obwohl Schiller ihm die Veröffentlichung seines einzigen Romans "Hyperion" bereits zugesagt hatte, verließ Hölderlin Jena Hals über Kopf. Schiller fehlte dafür jedes Verständnis.

Hölderlin reiste nach Frankfurt und nahm dort eine Hauslehrerstellung bei dem Bankier Jakob Gontard an. Er fühlte sich seinem Dienstherrn geistig überlegen und litt unter seiner ihm untergeordneten Stellung. Überhaupt fühlte er sich in Frankfurt nicht wohl, das schon damals eine Hochburg des Kapitals war.

Er verliebte sich unsterblich in die ebenfalls unglückliche junge Frau seines Arbeitgebers. In vielen Unterrichtsstunden kamen sie einander näher.

Als die französischen Truppen einrückten, wurde er zur Begleitung der Ehefrau mit ihr einen Sommer aufs Land geschickt. Der Sommer ihres Lebens.

Zurück in Frankfurt, bekam der Ehemann Wind von der bereits seit mehreren Jahren bestehenden Beziehung. Hölderlin wurde sofort entlassen, seine Welt brach zusammen.

Er war untröstlich, ging für einige Zeit nach Frankreich, dann wieder zurück nach Deutschland, wo ein republikanisch-revolutionärer Freund ihm eine leichte Stellung vermittelte.

Seit Frankreich war sein seelischer Zustand schwer angeschlagen, aber er dichtete fortwährend; mit 33 Jahren schrieb er in verzweifeltem Zustand das Gedicht "Hälfte des Lebens", nicht mehr hymnisch wie die jubelnden früheren Gedichte, das letzte Gedicht, das sich noch an die bekannten Formen hielt.

Ab da gab er diese auf und fand zu einer völlig neuen, eigenen, avantgardistischen Formensprache, von allem Bekannten losgelöst, die seine Zeitgenossen, einschließlich der etablierten Olympier in Weimar, die den Ton angaben, nicht mehr verstanden.

Hölderlin wusste, ab jetzt würde er einen sehr einsamen Weg beschreiten, ein Einzelgänger sein, quer zum etablierten Literaturbetrieb, von diesem unverstanden und nicht akzeptiert, auf sich selbst allein zurückgeworfen.

Er zog sich extrem zurück und schrieb viel.

Es ging ihm seelisch sehr schlecht, aber er war fest entschlossen, seinen Weg weiterzugehen.

Eine große Treue zu sich selbst zeichnete ihn aus.

Ich vermute, dass er viele seelische Transformationen durchlebte, alle alten Gewissheiten broeckelten und fielen in sich zusammen. Er war gezwungen, sich ganz neu zu finden, sehr frei und sehr allein. Ähnlich vielleicht wie Nietzsche.

Er hasste die moderne Welt, den Kapitalismus, die technischen und sozialen Veränderungen seiner Epoche und fühlte sich durch diese moderne Zivilisation von der Natur und seiner Ganzheit entfremdet. Er sehnte sich nach Einheit und fand diese in der Natur und im Alleinsein.

Seine Dichtung und Sprache spiegelt seine Bewusstseinszustände.

Ein sehr gefährdeter, wenn auch womöglich progressiver, pionierhafter Zustand. Leider gab es damals noch keine Psychotherapeuten, die ihn helfend und erklärend hätten begleiten können.

Anders als bei Nietzsche kam bei Hölderlin noch das politisch-revolutionäre Interesse und Bestreben hinzu.

Er verfolgte das sehr ehrgeizige Projekt einer Veränderung der Gesellschaft durch Dichtung und Politik.

Das ist mir neu - bisher hielt ich ihn für einen weltfremden versponnenen, unpolitischen Einzelgänger, der abgehoben im Elfenbein-Turm saß.

Aber nein, er hatte anscheinend einen Plan, ein Ziel, ein Projekt.

Und ließ sich davon durch nichts abbringen.

Anfang des 19. Jh. wurde sein republikanischer Freund, der ihm die Stelle beschafft hatte, verhaftet und kam ins Gefängnis.

Kurz darauf wurde Hölderlin in einer Nacht und Nebel-Aktion von Bad Homburg nach Schwaben entführt, gepackt und in eine Kutsche geschleift, in einer viertägigen Fahrt.

Angeblich wegen seines Geisteszustandes, neuere Vermutungen gehen dahin, um ihn vor einer ebenfalls anstehenden Verhaftung zu schützen.

Er wird nach Schwaben in eine psychiatrische Anstalt gebracht, dort nach den modernsten wissenschaftlichen Erkenntnissen gefoltert und traumatisiert und nach einigen Monaten entlassen, mit der Diagnose "unheilbare Schizophrenie".

Daraufhin wird er zur Pflege zu einem Tübinger Handwerksmeister gegeben, in dessen Haus er dann noch über 30 Jahre in dem bekannten Turmzimmer mit Blick auf den Neckar lebt.

Er wird dort liebevoll, fürsorglich und respektvoll behandelt. Er ist meistens alleine, redet viel mit sich selber, steht um 3 Uhr morgens auf, geht am Neckar spazieren, schreibt Gedichte und Briefe und empfängt, mittlerweile berühmt, Bewunderer und Besucher.

Er distanziert sich von seinem früheren Ich und seinem früheren Werk, erkennt dieses zwar noch als seines, behauptet aber, nicht Hölderlin zu sein.

Er gibt sich andere Namen, nennt sich Scardanelli.

Auch dies könnte ein Ausdruck seines verwandelten, gereiften Ich sein.

Er schreibt jetzt völlig anders, weniger emotional aufgewühlt, nicht mehr pathetisch und emphatisch, nicht mehr auf eine ferne, paradiesische Zukunft ausgerichtet, sondern versucht sein Heil im Hier und Jetzt, in der Gegenwart, im Kleinen, im Bestehenden und, nach wie vor, in der Natur zu finden.

Er sehnt sich nach Ruhe und Frieden, dies drücken seine Gedichte aus. Sie überraschen durch eine neue Einfachheit, fast Kindlichkeit, Schlichtheit.

Die Weisheit ist einfach, schlicht, mit dem Herzen und dem Gemüt eines Kindes zu erfahren.

Wollen wir ihm wünschen, dass sein kühner, hochfahrender Geist zu dieser einfachen Weisheit und Ruhe gefunden, sein Gemüt sich beruhigt hat.

Insgesamt wird er als sehr distanziert geschildert, der auch durch übertriebene, förmliche Anreden viel Distanz zwischen sich und andere brachte.

Wollen wir ihm wünschen, dass diese Distanz dem Schutz seines zerbrechlichen Ich diente und nützte.

Oft ist das, was Zeitgenossen als "wahnsinniges", weil unverständliches Verhalten erscheint, in Wirklichkeit sehr sinnvoll für die innere Welt und das innere Erleben des Menschen und wird vielleicht erst im Nachhinein verstanden.

Mir scheint, dass Hölderlin seiner Zeit voraus war in seinem revolutionären Bewusstsein. Wie einsam muss so jemand sein, der von seiner Zeit nicht verstanden wird.

Gehen wir davon aus, dass er sich selbst sein bester Freund war.

Es fällt auf, dass viele bekannte Künstler, die in diesem (langen) großen Epochen- und Paradigmenumbruch zur Moderne lebten, von außen als "wahnsinnig" diagnostiziert wurden.

Mir fallen da ein: Lenz, Hölderlin, Nietzsche. Und Verzweifelte wie Kleist und, ein Jahrhundert später, am anderen Ende dieses langen großen Epochenumbruchs, Trakl, die keine Heimat fanden in dieser Welt.

Hölderlin, am Beginn des Umbruchs stehend, der Demokratie versprach, die 130 Jahre (das lange 19. Jh. lang) auf sich warten ließ, hatte es im Prinzip relativ gut: Er wurde liebevoll versorgt, kam nicht ins Gefängnis, nicht in die psychiatrische Anstalt, war relativ frei und konnte machen, was er wollte.

Wollen wir ihm wünschen, dass er sich dessen bewusst war und das auch so sah.

Heute, scheint mir, wird Hölderlin neu entdeckt.

Wir, an einem neuen dramatischen Epochenumbruch stehend, entdecken in ihm einen verwandten Geist, eine verwandte Seele, die uns die Schwierigkeit einer solch gewaltigen Veränderung aufzeigt.

»Brod und Wein« von Friedrich Hölderlin


Friedrich Hölderlins Leben ist die Geschichte eines Einzelgängers, der keinen Halt im Leben fand, obwohl er hingebungsvoll liebte und geliebt wurde: Friedrich Hölderlin. Als Dichter, Übersetzer, Philosoph, Hauslehrer und Revolutionär lebte er in zerreißenden Spannungen, unter denen er schließlich zusammenbrach. Erst das 20. Jahrhundert entdeckte seine tatsächliche Bedeutung, manche verklärten ihn sogar zu einem Mythos. Doch immer noch ist Friedrich Hölderlin der große Unbekannte unter den Klassikern der deutschen Literatur.

»Brod und Wein« von Friedrich Hölderlin ist eines der berühmtesten Gedichte von Friedrich Hölderlin.
Die Elegie »Brod und Wein« entstand etwa um 1800 und ist nach Rüdiger Safranski und nach meiner Meinung das vielleicht schönste Gedicht Hölderlins. Die erste von neun Strophen lautet:

»Rings um ruhet die Stadt; still wird die erleuchtete Gasse,
Und, mit Fackeln geschmückt, rauschen die Wagen hinweg.
Satt gehn heim von Freuden des Tags zu ruhen die Menschen,
Und Gewinn und Verlust wäget ein sinniges Haupt
Wohlzufrieden zu Haus; leer steht von Trauben und Blumen,
Und von Werken der Hand ruht der geschäftige Markt.
Aber das Saitenspiel tönt fern aus Gärten; vielleicht, daß
Dort ein Liebendes spielt oder ein einsamer Mann
Ferner Freunde gedenkt und der Jugendzeit; und die Brunnen
Immerquillend und frisch rauschen an duftendem Beet.
Still in dämmriger Luft ertönen geläutete Glocken,
Und der Stunden gedenk rufet ein Wächter die Zahl.
Jetzt auch kommet ein Wehn und regt die Gipfel des Hains auf,
Sieh! und das Schattenbild unserer Erde, der Mond,
Kommet geheim nun auch; die Schwärmerische, die Nacht kommt,
Voll mit Sternen und wohl wenig bekümmert um uns,
Glänzt die Erstaunende dort, die Fremdlingin unter den Menschen,
Über Gebirgeshöhn traurig und prächtig herauf.«


Literatur:

Gedichte
Sämtliche Gedichte und Hyperion
von Friedrich Hölderlin

Hölderlin



Blog-Artikel:

»Brod und Wein« von Friedrich Hölderlin - Gastbeitrag

Poetenwelt-Blog

Mittwoch, 20. März 2024

»Hälfte des Lebens« von Friedrich Hölderlin


Friedrich Hölderlin mussten zu der Hälfte seines Lebens in überaus wachem Zustande bereits dunkle Vorahnungen über sein weiteres - sich verfinsterndes - Leben ergriffen haben, denn dieses Gedicht klingt wie eine düstere Prophezeiung seiner zweiten, dunklen Lebenshälfte, welche der Dichter in einem Schattenreich in einem hellen Turm am Neckarufer in der Obhut eines Schreiners verbracht hat, der ein überaus begeisteter Anhänger seiner berühmtesten appolinischen Dichtkunst »Hyperion« war.


»Hälfte des Lebens« von Friedrich Hölderlin ist eines der berühmtesten Gedichte von Friedrich Hölderlin.

Das Gedicht von Friedrich Hölderlin erschien erstmals 1804 in Friedrich Wilmans »Taschenbuch für das Jahr 1805«. Während der Text zu Beginn des 19. Jahrhunderts noch vielfach auf Unverständnis stieß, etablierte er sich durch die Aufmerksamkeit, die ihm beispielsweise Trakl, Celan, George oder Benn im 20. Jahrhundert widmeten, zur Lyrik von Rang.

Heute zählt »Hälfte des Lebens« zu den bekanntesten Werken Friedrich Hölderlins. Sein Gedicht ist die Klage eines Einsamen, eines Losgelösten, der weder einen Platz in der Welt noch bei Gott gefunden hat. Mit großer Intensität gelingen dem Dichter Worte, die die Ursehnsucht des Menschen nach Ganzheit, einer tiefen Verbundenheit von Geist und Körper, lyrisch fassen. Das eigentlich Bedrückende dieses Textes ist die Erkenntnis einer absoluten Trostlosigkeit, wie sie in Hölderlins Poesie selten so scharf herausgearbeitet wurde.

Sein Gedicht ist die düstere Prophezeiung seines künftigen Lebens im Elfenbeinturm. Es ist so, als hätte der Dichter Hölderlin sein künfiges Schicksal bereits vorausgesehen.


Mit gelben Birnen hänget
Und voll mit wilden Rosen
Das Land in den See,
Ihr holden Schwäne,
Und trunken von Küssen
Tunkt ihr das Haupt
Ins heilignüchterne Wasser.

*****

Weh mir, wo nehm' ich, wenn
Es Winter ist, die Blumen, und wo
Den Sonnenschein,
Und Schatten der Erde?
Die Mauern stehn
Sprachlos und kalt, im Winde
Klirren die Fahnen.


Quellen:

Textquelle: [Stuttgarter Ausgabe] Friedrich Hölderlin. Sämtliche Werke. Hrsg. von Friedrich Beißner. Bd. 2. Stuttgart: Kohlhammer 1951. S. 117.

Rezension:

Friedrich Hölderlin: Hälfte des Lebens - https://www.zum.de


Literatur:

Gedichte
Sämtliche Gedichte und Hyperion
von Friedrich Hölderlin

Hölderlin



Weblink:

Hälfte des Lebens - Deutschland-Lese - www.deutschland-lese.de

Blog-Artikel:

»Hälfe des Lebens« von Friedrich Hölderlin - Gastbeitrag

Poetenwelt-Blog


Samstag, 16. März 2024

»An die Deutschen« von Friedrich Hölderlin


»Spottet ja nicht des Kinds, wenn es mit Peitsch' und Sporn
Auf dem Rosse von Holz mutig und groß sich dünkt,
Denn, ihr Deutschen, auch ihr seid
Tatenarm und gedankenvoll.

Oder kömmt, wie der Strahl aus dem Gewölke kömmt,
Aus Gedanken die Tat? Leben die Bücher bald?
O ihr Lieben, so nimmt mich,
Daß ich büße die Lästerung.«



Hölderlin reflektiert in diesem Gedicht die Position des deutschen Idealismus um 1800, denn auch dieser war tatenarm und gedankenvoll.